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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Windrichtung Flachland



www|21stage|de
28.06.2006, 20:40
Hallo Zusammen,

mir ist jetzt in letzter Zeit schon öfter aufgefallen, dass die Wolkenzugrichtung (also quasi der Wind in ca. 1500m Höhe) und der Wind am Boden teilweise aus völlig anderen Richtungen wehen, heute sogar um 180° verschieden.
Dabei handelt es sich keinenfalls um lokale Begebenheiten, sondern dieser Effekt ist über ganz Deutschland zu beobachten
siehe z.B.
Regenradar und lokaler Wind
http://www.wetteronline.de/cgi-bin/aktframe?TYP=windrichtung&ART=kartealle&RUBRIK=akt&JJ=xxxx&MM=05&TT=06&TIME=1200&KEY=DL&LANG=de&SORT=2&INT=06

http://wetter.t-online.de/radar.php

Hat jemand eine Ahnung, woher dass kommt (also die 30° Rechtsabweichung ist das ja wohl ganz offensichtich nicht)
Würde mich wirklich interessieren,
viele Grüße und noch einen schönen abend zusammen (heute mal ohne Wm-Spiel :-)

Sebastian

Stefan Hörmann
28.06.2006, 21:35
Hallo Zusammen,

mir ist jetzt in letzter Zeit schon öfter aufgefallen, dass die Wolkenzugrichtung (also quasi der Wind in ca. 1500m Höhe) und der Wind am Boden teilweise aus völlig anderen Richtungen wehen, heute sogar um 180° verschieden.
Dabei handelt es sich keinenfalls um lokale Begebenheiten, sondern dieser Effekt ist über ganz Deutschland zu beobachten
siehe z.B.
Regenradar und lokaler Wind
http://www.wetteronline.de/cgi-bin/aktframe?TYP=windrichtung&ART=kartealle&RUBRIK=akt&JJ=xxxx&MM=05&TT=06&TIME=1200&KEY=DL&LANG=de&SORT=2&INT=06

http://wetter.t-online.de/radar.php

Hat jemand eine Ahnung, woher dass kommt (also die 30° Rechtsabweichung ist das ja wohl ganz offensichtich nicht)
Würde mich wirklich interessieren,
viele Grüße und noch einen schönen abend zusammen (heute mal ohne Wm-Spiel :-)

Sebastian

Hallo Sebastion,

vielen Dank für diese Frage. Die Antwort dürfte in diesen Tagen viele Piloten auf die Spünge helfen.

Um ein Verständniss dafür aufzubauen, möchte ich einmal grob aber einfach ansetzen und in einem Satz ist eigentlich schon das wichtigste gesagt.

Nicht nur in den tiefen Luftschichten gibt es ein Hoch und Tief, sondern auch in den oberen. Dort sind es Trog (Tief) und Keil (Hoch). Haben wir in verschiedenen Schichten verschiedene Druckkonstellationen und Druckverteilungen wie in diesen Tagen (Druckgradien und Krümung von Isobaren (Bodendruck) und Isohypsen (Höhendruck)) erhalten wir solch konträren Wind wie heute.

Ursache ist ist in dieser Situation in sehr feucht-labiler Luft zunächst potentieller Tiefdruck während des Tages (Erhitzung und Auslösung der feuchten Luft) durch die vielen Gewitterstörungen über Süddeutschland. Dahinter steigt der Luftdruck stets etwas an. In den Alpen hingegen zieht am Tag das Hitzetief die Luft aus Nord bis Nordost an. Da die Höhenwinde aufgrund eines Höhentroges (Tiefdruck in der Höhe) über Westeuropa nun eine südliche Höhenströmung "machen", haben wir in der Höhe den Westwind, am Boden den Ostwind durch etwas höheren Luftdruck über Nordwestdeutschland . Heute hat sich diese Sache noch verstärkt, da über Nordwestdeutschland der Luftdruck am Boden zunehmend angestiegen ist und Süddeutschland an der Südostflanke des Hoch zu liegen kam Der Nordost oder Ostwind hat das schön angezeigt.

Dieser Wind wird am Donnerstag und Freitag in Bayern dann zusammen mit einem Tief über den Ostalpen heftigen Regen machen.

Bei Fragen gerne fragen.

Gruß,
Stefan

www|21stage|de
29.06.2006, 18:23
HI Stefan,

vielen herzlichen Dank für die ausfürhliche Antwort und die Hilfbereitschaft.
Habe mal noch eine Frage, weil ich ehrlich gesagt es noch nicht ganz verstanden habe.
Aber immer hin komme ich den Geheimnissen des Wetters immer mehr auf die Spur. Vorallem bin ich erstaunt, das ein Trog ein Höhentief ist - dachte immer das wäre einfach nur kalte Höhenluft! krass.... :eek:




Ursache ist ist in dieser Situation in sehr feucht-labiler Luft zunächst potentieller Tiefdruck während des Tages (Erhitzung und Auslösung der feuchten Luft)


Heißt das, dass es im Sommer quasi immer und überall ein "kleines" Hitzetief hat - so wie i.d. Alpen? Habe gedacht das wäre nur eine kleine lokale Auswirkung im Gebirge.



In den Alpen hingegen zieht am Tag das Hitzetief die Luft aus Nord bis Nordost an.

O.k. - der bayrische Wind. Aber der dürfte doch wohl hier i.d. Rheinebene, ca. 300km entfernt keine Auswirkung mehr haben. Oder doch?





... Da die Höhenwinde aufgrund eines Höhentroges (Tiefdruck in der Höhe) über Westeuropa nun eine südliche Höhenströmung "machen", haben wir in der Höhe den Westwind,

Das verstehe ich nun nichtr ganz - also soweit klar. Durch den Trog über Westeuropa haben wir, durch die Linksdrehung und einem evtl. Tief eher süd-westlich (schließe ich aus der Südströmung) einen Südwind. Aber woher kommt nun der Höhenwestwind? Vorallem, da doch das Tief im Westen ist, muss die Luft doch eher dorthin strömen als von dort weg?

Bzw. wo ist der unterschied zwischen Strömung und Wind? (Ist das der Knackpunkt?)



... am Boden den Ostwind durch etwas höheren Luftdruck über Nordwestdeutschland .


das ist dann soweit wieder klar.

Also nochmal vielen Dank für die Wetternachhilfe, :-)

grüße aus Haßloch
Sebastian

www|21stage|de
29.06.2006, 18:33
ahh - und wo wir gerade beim Wetter sind.
die pics habe ich gerade aufgenommen.
sind das eigentlich castellani oder nur mutierte cu`s.
die dinger sind teilweise nach 5 min. wieder in sich eingefallen bzw. haben sich aufgelöst.
war mir net ganz sicher, weil so richtig lehrbuchhaft sind sie ja net.
Hat jemand eine Ahnung?

thx und grüße
seb

luaas
30.06.2006, 11:46
Hallo Seb,

wenn Du ein anderes Thema anfängst, wäre es klasse, wenn Du auch einen neuen Thread startest. Sonst können andere Nutzer so schlecht nachvollziehen, worum es eigentlich geht.

Aber nun zu deiner Wolkenfrage:

Ja, das kann man schon als Cumulus castellanus bezeichen. Grundsätzlich sind bei allen Wolkenklassifikationen die Grenzen etwas fließend. Aber wenn eine Cumulus-Wolke so schön turmförmig (wie bei einem Kastell) hochschießt, dann hat sie diesen Namen wohl verdient. Sowas ist immer ein Zeichen für ordentlich labile Luft. Da heißt es: Fliegerauge, sei wachsam, es kann dann auch schnell mal "knallen".

Neben den Cumulus castellanus gibt es auch noch die Altocumulus castellanus. Die sind ein Wolkenstockwerk höher und sehen weniger wie echte Türme, sondern eher wie die Zinnen einer Burg aus. Auch das ist aber ein sicheres Zeichen, dass die Luft in der Höhe labilisiert. Wenn Du solche Wolken am morgen beobachtest, solltest Du am Nachmittag wieder mit Gewitter rechnen. Das sieht z.B. so aus:

http://digilander.libero.it/meteocastelverde/images/nub27.jpg


Lucian

Stefan Hörmann
30.06.2006, 11:53
Neben den Cumulus castellanus gibt es auch noch die Altocumulus castellanus.

Hi,

ganz kurz ein Einwurf.

Cumulus castellanus gibt es per Definition nicht. Es sind einfach höher aufschießende Cu die ganz offiziell als TCU = Towering Cumulus benannt werden und zeigen eine stark labile Schicht in den von der Bodenerwärmung erfassten Luftschicht.

Immer eine Reise wer: http://www.wolkenatlas.de/

Gruß,
Stefan

Stefan Hörmann
30.06.2006, 12:03
Heißt das, dass es im Sommer quasi immer und überall ein "kleines" Hitzetief hat - so wie i.d. Alpen? Habe gedacht das wäre nur eine kleine lokale Auswirkung im Gebirge.

Sozusagen ja. Deswegen sinkt der Luftdruck am Tag um einige Hektopaskal, während er in der Nacht wieder ansteigt.



O.k. - der bayrische Wind. Aber der dürfte doch wohl hier i.d. Rheinebene, ca. 300km entfernt keine Auswirkung mehr haben. Oder doch?

Nein, nicht. :-)

Es gibt aber Bereiche mit mehr Luftfeuchte die sich in Zonen sammelt. Dort ist es labiler. Wird bestimmt durch Geländeform und Vegetation. Es kommt dabei zu Konvergenzzonen (Zusammenströmen von Lufttteilchen = Hebung = tieferer Luftdruck) und das kann überall der Fall sein.



Das verstehe ich nun nicht ganz - also soweit klar. Durch den Trog über Westeuropa haben wir, durch die Linksdrehung und einem evtl. Tief eher süd-westlich (schließe ich aus der Südströmung) einen Südwind. Aber woher kommt nun der Höhenwestwind? Vorallem, da doch das Tief im Westen ist, muss die Luft doch eher dorthin strömen als von dort weg?

Bzw. wo ist der unterschied zwischen Strömung und Wind? (Ist das der Knackpunkt?)

Der Westwind kam dadurch zustande, dass sich der Bereich tiefen Druckes nach Osten verlagert hat und die Strömung von SW auf W gegangen ist.

Gruß,
Stefan

Klemens
30.06.2006, 12:21
Hallo Stefan,

eine ganz kurze Zwischenfrage:


[Zitatanfang ] ... ganz kurz ein Einwurf.

Cumulus castellanus gibt es per Definition nicht. Es sind einfach höher aufschießende Cu die ganz offiziell als TCU = Towering Cumulus benannt werden und zeigen eine stark labile Schicht in den von der Bodenerwärmung erfassten Luftschicht ... [Zitatende]

welche Wolkenklassifikation benutzt Du als Referenz ? Welche definiert die Wolken offiziell ? Gibts da was offizielles von der WMO (World Meteorological Organisation) ?


Viele Grüße,

Klemens

Stefan Hörmann
30.06.2006, 12:32
Hallo Stefan,

eine ganz kurze Zwischenfrage:


[Zitatanfang ] ... ganz kurz ein Einwurf.

Cumulus castellanus gibt es per Definition nicht. Es sind einfach höher aufschießende Cu die ganz offiziell als TCU = Towering Cumulus benannt werden und zeigen eine stark labile Schicht in den von der Bodenerwärmung erfassten Luftschicht ... [Zitatende]

welche Wolkenklassifikation benutzt Du als Referenz ? Welche definiert die Wolken offiziell ? Gibts da was offizielles von der WMO (World Meteorological Organisation)

Hi,

http://www.wolkenatlas.de -> Übersicht -> Wolkenklassifikationen. Das ist die Benennung nach WMO.

Wolkenatlas ist die beste Quelle zum Lernen und deuten von Wolken.

tschüssle,
Stefan

Klemens
30.06.2006, 12:39
Hallo Stefan,

wieder was gelernt - danke !

Viele Grüße,

Klemens

www|21stage|de
30.06.2006, 12:57
vielen dank für die Hilfe - hat mir sehr geholfen!

schönes spiel heute abend

grüße
seb

Heiko Jägle
30.06.2006, 14:19
Hallo seb,

noch ein Nachtrag meinerseits:


O.k. - der bayrische Wind. Aber der dürfte doch wohl hier i.d. Rheinebene, ca. 300km entfernt keine Auswirkung mehr haben. Oder doch?

_Der_ "bayrische Wind" dürfte bei dir in der Rheinebene keine Auswirkung haben, bei euch heißt er nur anders!

Gemeint ist mit dem bayrischen Wind eine Ausgleichsströmung aus dem Alpenvorland in die Alpen hinein, sobald die thermische Zeit beginnt (im Sommer etwa ab 10-11 Uhr vormittags). Das heißt in der Praxis, dass zum Beispiel im Allgäu oder im Chiemgau trotz überregionalem Westwind am Startplatz der Wind von Norden ansteht, vielleicht etwas östlich oder westlich abgelenkt, was von der örtlichen Topographie (besser Orographie) abhängt. So kommt es, dass man selbst im Pinzgau am Wildkogel nur bis etwa 11 Uhr Richtung Süden starten kann, weil danach der bayrische Wind über den Grat schwappt und dir (kräftigen) Rückenwind beschert.

Aber nicht nur die Bayern machen solche Sachen. ;) Auch an anderen Stellen der Alpen und in anderen Gebirgszügen passiert sowas. Auf der Alpensüdseite (wie Bassano, Meduno, u.a.) verhilft er zu stundenlangem Hangsoaren, zusätzlich zu den guten Thermikbärten der Südhänge! Am Gardasee wird der im Sommer sehr kräftige Ausgleichswind "Ora" genannt und erfreut die Windsurfer. Im Köln/Bonner Raum sorgt der "Eifelwind" (hmm, müsste eigentlich andersrum heißen) für eine nördliche Luftströmung, selbst bei Westwetterlagen.

Ich denke, in der Rheinebene bei dir (wo wohnst du genau?, ah da stehts: Haßloch) wird es sicher etwas ähnliches geben, wobei die Vogesen und der Schwarzwald diesen Effekt wohl mildern bzw. umlenken werden und zwischen Rheingraben und Alpenhauptkamm noch das Jura und das schweizer Mittelland liegen. Vielleicht können die "Einheimischen" an dieser Stelle mehr zu ihrem Ausgleichswind sagen.

Gruss
Heiko J.

Gufi
03.08.2006, 01:35
Great information

Bliestalflieger
03.08.2006, 16:43
wieder mal ein super lehrreicher Thread von den Profis.
Danke dafür

MfG
Uwe