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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gleitschirmfliegen überkommerzialisiert?



Flug-K-Kai
05.07.2011, 08:38
Hallo,

im Thread bezüglich des "A-Schein-A-Schirm-Antrages von Andreas Schubert" wurde merhfach bemängelt, GS-Fliegen sei "überkommerzialisiert".
Beim ersten Lesen habe ich refelxartig zur Zustimmung tendiert. Das klingt ja auch so ähnlich wie "Überentwicklung, sofort landen gehen!".
In meinem Hinterkopf blieb aber noch ein großes Fragezeichen. Deswegen die Frage an diejenigen, die diese Ansicht vertreten:

Wo hört ein "gesunder Kommerz" in unserem Sport auf und wo fängt die Überentwicklung an?

Ich bin gespannt auf Eure Statements.

Gruß Kai

Pedro
05.07.2011, 09:10
Da es um Kommerz beim Gleitschirmfliegen geht möchte ich sagen, der Flugsport fängt mit einer guten und fundierten Ausbildung an und endet dort wo die Abzocke beginnt.
Wenn man sich so umhört kann die Abzocke schon in der frühesten Ausbildung beginnen.
Es sind aber nicht nur die Abzocker es können auch vielfältige Argumente mitspielen die im Flugsport eigentlich nichts zu suchen haben,
Eigennutz und Geldgier sowie Intoleranz sind schlechte Mitläufer im Flugsport, z.B. "Wasserkuppe" oder "Flugverbot wegen fremder Werbung auf dem Schirm" und, und, und .....

pedro

DonQuijote
05.07.2011, 10:01
Das Wichtigste für die Existenz des Gleitschirmsports ist, dass die, die uns die Schirme und das andere Material konstruieren und bauen, testen, importieren, verkaufen und jene, welche Schulungen anbieten, aber auch die Liftbetreiber usw. so viel Geld wie möglich damit verdienen und dadurch maximal motiviert sind, diese Aufgaben auch weiterhin wahrzunehmen. Ich gönne denen allen jeden Euro von ganzem Herzen - den sie sind es, die es uns möglich machen, zu fliegen.

Vibe
05.07.2011, 10:10
Das Problem ist eher das es zu wenig kommerzialisiert ist.

Wenn ich mir dir Kalkulationen der kleinen Schulen und Shops mal so durchdenke, dann frage ich mich wie man davon leben kann. Ich würde mal sagen weniger als 10% der Flugschul/Shop Besitzer haben eine Kaufmännische Ausbildung und somit wird dumping angeboten nur um etwas umzusetzen (Dummerweise kann man millionen umsetzen ohne auch nur 1 Euro gewinn zu machen). Daraus resultiert dann auch irgendwann schlechte Qualität und schlechte Ausbildung.

Die besten Stilblüten schlägt da ja gerade das Checken, seit es Hinz und kunz machen dürfen. Wer für 80 Euro einen kompletten Check anbietet kann nicht vernünftig arbeiten oder er würde konkurs machen.

Gruß

Claus

rolx
05.07.2011, 10:28
Das sehe ich ähnlich wie Vibe. Die meisten Flugschulenbesitzer sind sehr gute Flieger und ich denke auch sehr gute Ausbilder. Nur haben sie leider wenig Ahnung von Marketing, Wirtschaftlichkeit, Kundenumgang, Organisation, ... das gehört aber zu einer guten Schule dazu.

Dann gibt es die Schulen, bei denen es andersrum ist. Sehr gutes Marketing, sehr gewinnorientiert usw. und dann geht's halt nach dem Maximalprinzip: Maximaler Gewinn mit einem "gewissen" Aufwand. Ich denke, an der Stelle fängt das "überkomerzielle" wie es Kai nennt an.

Ideal ist es dann, wenn man die Schule findet, die den Mittelweg anbietet: Kompetenter, pedagogisch talentierte Fluglehrer, gut organisiert und der Preis ist der Leistung angepasst.

Gruß, rolX (www.rolx.de)

SATurn
05.07.2011, 10:41
Zuerst würde ich gerne einmal wissen was wir hier unter "Überkommerzialisierung" überhaupt verstehen.
Riesige Sponsor-Logos in jedem Schirm? :confused:


Die meisten Flugschulenbesitzer sind sehr gute Flieger und ich denke auch sehr gute Ausbilder. Nur haben sie leider wenig Ahnung von Marketing, Wirtschaftlichkeit, Kundenumgang, Organisation, ...

Das trifft auf etwa 90% aller KMUs (kleinere und mittlere Unternehmen) zu. Eine ganze Branche lebt davon und bietet Dienstleistungen dazu an. Die wenigsten Flugschulen nutzen dies allerdings.

O-Ton: "Ach, wir leben ganz gut von Mundpropaganda..." oder "Werbung? Ja, wir ham eh eine Homepage..."

Flynix
05.07.2011, 13:27
Ich glaube viele unterscheiden unreflektiert zwischen Beruf (Büro oder whatever) und Hobby (Gleitschirmfliegen).

Im eigenen beruflichen Umfeld ist ein Zuschlag für Sonntagsarbeit, geregelte Arbeitszeit, freie Wochenenden, irgendwann mal ne Gehaltserhöhung etc. selbstverständlich.

Gleichzeitig wird oft den im Gleitschirmsport beruflich Tätigen bereits Abzocke vorgeworfen, wenn sie die Schirme nicht gleich zum eigenen Einkaufspreis weitergeben.

Ich glaube es täte dem Verständnis ganz gut, wenn jeder mal die Ansprüche, die er an seine eigene Firma stellt bezüglich Bezahlung und Arbeitsbedingungen, auch den Fluglehrern, Gleitschirmverkäufern und Veranstaltern zubilligt.

Ich jedenfalls gönne jedem Fluglehrer, der Verantwortung für die Gesundheit anderer übernimmt, Sonntags, Feiertags und über Wochehenden hinweg arbeitet, keinen geregelten Feierabend kennt und dessen Umsatz dann auch noch existentiell vom Wetter abhängt, jeden Euro, den er damit verdient.

Und in das Abzocke-Gerede falle ich dann mit ein, wenn ich den ersten Gleitschirmverkäufer mit einem Ferrari sehe. Bis dahin sei es ihm gegönnt, dass er in seinem Beruf tatsächlich auch noch Geld verdient

H.M.Murdoch
05.07.2011, 13:37
...Und in das Abzocke-Gerede falle ich dann mit ein, wenn ich den ersten Gleitschirmverkäufer mit einem Ferrari sehe. Bis dahin sei es ihm gegönnt, dass er in seinem Beruf tatsächlich auch noch Geld verdient

Ich glaub da gabs mal einen mit Porsche... tuts das auch? ;-)

Ach was, wenn die Geschäfte anständig sind warum soll da nicht auch Gewinn abfallen? ;-)
Es gibt genügend die Dir alles Mögliche verscherbeln, nur um Umsatz (und ggf. auch Gewinn) zu machen.
Ärgerlich wird wenn man hinterher feststellt das man übel gelinkt wurde. Oft sind die Handschuhe nur bei dem Typen am teuersten...
Ganz übel wirds wenn das Abhängigkeitsverhältnis der Flugschüler ausgenutzt wird, diese mit zu hohen Preisen ausgenommen werden.
Hierbei wird das Geld bei so Sachen wie Handschuhen Gurtzeug und Rettung, dem Drumherum, gemacht. Bei den Schirmen scheinen die meisten Schüler inzwischen recht gut informiert zu sein. Also wird da ein Abschlag einkalkuliert und woanders (helm, Handschuhe, Vario Combi, etc..) wieder drauf geschlagen....


(hoppala neuer editor?)

achilleos
05.07.2011, 13:42
servus leude,

ich denke, überkommerzialisierung fängt da an, wo auch der kleine betrug anfängt, die täuschung am kunden. mike (http://www.gleitschirmdrachenforum.de/showthread.php?26416-Sicher-in-die-Zukunft-EN-A*-Schirme-in-der-Schulung-und-mit-A-Lizenz&p=309440#post309440) und pipo (http://www.gleitschirmdrachenforum.de/showthread.php?26460-Unf%E4lle-Tote-Schwerverletzte-wir-diskutieren-keine-Reaktion!&p=309385#post309385) haben ja schon schöne beispiele gebracht. mir ist noch in deutlicher erinnernung, wie auf einer homepage ein sicherheitstraining beworben wird mit: schon über 100.000 unfallfreie start und landungen. ja, stimmt, aber eine landung war halt nicht unfallfrei.
sich mit solch unsinnigen sicherheitsvorschlägen in aller munde zu bringen, versprechungen wie der zwei-wochen-schein und die leute in falscher sicherheit wiegen lassen, oder aber in abhängiger sicherheit halten: nur betreute flugreisen, sht, etc., halte ich für betrug. schade auch, daß flugschulen nicht zu ihren verunglückten schülern stehen können, zb. keine erklärungen, nachruf, o.ä. - das totschweigen.

eine gute werbung und daß sich das bild in der bevölkerung wandelt, daß es halt kein extremsport ist mit extrem vielen unfällen, mehr ausübende und mehr verständnis sind für alle positiv. sehr gut finde ich es wie es auf der dhv homepage steht: (sinngemäß) wie gefährlich das hobby ist, hat jeder selber in der hand.

solange man ehrlich ist, wäre jede werbung in ordnung.
jeder kennt unfallbilder von motorrädern, da wird nix verheimlicht oder verdreht. trotzdem gibt es 'n haufen motorradfahrer.

ps: stimmt h.m.m, das ausnutzen des abhängigkeitsverhältnisses, weil man es am anfang ja noch nicht besser weiß, ist auch ein guter punkt.

ruewa
05.07.2011, 15:19
Hallo!

Also ich vertrete (was wohl niemanden mehr erstaunen dürfte), in der Tat die These, daß das Gleitschirmfliegen "überkommerzialisiert" ist, in dem Sinne, daß das gesunde Maß abhanden gekommen ist.


1) Kommerzialisierung im Flugsport ist nicht selbstverständlich.

Während die Ursprünge der Motorfliegerei (von den allerersten Anfängen abgesehen) militärisch sind, hat der zivile Flugsport seine Wurzeln im Segelfliegen. Die Segelflugbewegung kam in den 1920er-Jahren auf, und sie war von Anfang an (zumal in Zeiten der Wirtschaftskrise) eine "Arme-Leute-Bewegung": Hauptsächlich Handwerker und Studenten haben die Segelfliegerei aufgebaut - die Ersteren waren als einzige in der Lage, die Geräte zu bauen, die Letzteren trieben die technologische Entwicklung mit kühnen Konstruktionen in den "Akademischen Fliegergruppen" voran. Die einzig mögliche Organisationsform war logischerweise der Verein. Die Flugzeuge wurden selbst gebaut, die Ausbildung erfolgte nach dem Prinzip von Try & Error, später konnten die fliegerischen Erfahrungen dann an den Nachwuchs weitergegeben werden. Viele der damaligen Vereine existieren heute noch (meiner z.B. wurde 1925 gegründet, geflogen werden konnte aber erst 1928, nachdem das erste selbstgebaute Flugzeug fertig war). Das ist der historische Hintergrund, warum die Segelflugausbildung auch heute noch fast ausschließlich von den Vereinen geleistet wird. Es existieren nur eine Handvoll Segelflugschulen, eine der renommiertesten, die Segelflugschule Hornberg (im Besitz des Baden-Württembergischen Luftsportverbands) wurde Anfang des Jahres geschlossen.

Diese vereinsbasierte Ausbildung ist eine echte Erfolgsgeschichte, sie hat sich bis heute in hohem Maße bewährt. Der einzige Vorteil der Flugschul-Ausbildung besteht darin, daß sie schneller und mit weniger Mühe absolviert werden kann. Der Vorteil hat aber auch eine Kehrseite: Die langsamere Ausbildung in den Vereinen hat sich als nachhaltiger und letztlich gründlicher erwiesen: Vereinsflugschüler fliegen konstanter als diejenigen, die schnell gelernt und schnell vergessen haben. (Im Fallschirmsport kenne ich mich nicht aus, aber auch hier findet ein Großteil der Ausbildung in den Vereinen statt.)

Auch die Gerätewartung findet von einigen Teilbereichen abgesehen (Avionik- und Triebwerksüberholung) vornehmlich in Eigenleistung statt: Die Vereine sind über die DAeC-Landesverbände als "Luftfahrttechnische Betriebe" vom Luftfahrtbundesamt zertifiziert und anerkannt. Auch soetwas wie Fallschirmpacken findet vornehmlich durch speziell ausgebildete Vereinsmitglieder statt. In Einzelfällen geht diese Vereinsarbeit bis hin zur Reparatur von Totalschäden! Der einzige Bereich, der notwendig kommerziell ist, ist der der Geräteherstellung. (Auch wenn bei den GS-Fliegern alles anders wäre: Die Hersteller gäbe es genauso!)

Der Vergleich zeigt: Die Strukturen, die das Gleitschirmfliegen prägen, sind nicht "gottgegeben", nicht einmal "logisch", sondern Ergebnis von Entscheidungen und Weichenstellungen, die in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren im Wesentlichen vom DHV gestaltet wurden. Und ich bin sicher, eine genauere Betrachtung jener Zeit würde viele personelle Verflechtungen zwischen Flugschulen, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen, und dem (damals noch reinen Drachenflieger-) Verband aufzeigen.


2) Kommerzialisierung heißt nicht automatisch Professionalität

Die Qualitätsunterschiede in allen Bereichen des Gleitschirmsports sind hinlänglich bekannt. Sowohl im Bereich der Ausbildung, als auch bei der Gerätewartung (Checks), als auch bei SiKus wurden zahllose Mängel und Skandälchen bekannt. Eines der Probleme resultiert daraus, daß Flugschulen sowohl ausbilden, als auch Geräte und Modebekleidung verkaufen, als auch Gerätewartung anbieten, oft personell nur durch Hilfkräfte über Wasser gehalten. Qualitätseinbußen in einzelnen Bereichen (leider eher anderswo als beim Vertrieb todschicker Klamotten) sind daher alles andere als erstaunlich.

Die Hürden, selbst zum Anbieter zu werden, sind niedrig bis inexistent: Wer zwei alte Tische und eine Garage hat, kann sein Glück (und das seiner Kunden) als Checkbetrieb herausfordern, eine wirksame Kontrolle findet nicht statt. Qualitätssicherungssysteme, die in der "echten" Welt längst zur betrieblichen Selbstverständlichkeit gehören, sind in der GS-Branche so gut wie nicht zu finden. Selbst hinlänglich beschriebene, eklatante Qualitätsprobleme (wie die mangelhafte Verfügbarkeit von Rettungsbooten bei SikKus) führen keineswegs dazu, daß diese Zustände behoben werden - stattdessen häufen sich Jahr für Jahr die immer gleichen Berichte über die immer gleichen Unfälle bzw. Beihnaheunfälle auf.

Es gibt einen weitverbreiteten gedanklichen Kurzschluß: Professionalisierung sei die logische Folge der kommerziellen Orientierung der, wie man ja auch so schön sagt, "Profis". Dieser Kurzschluß ist im Bereich der Gleitschirmfliegerei höchst fragwürdig! Und man muß sogar weiter fragen, ob die mangelhafte Professionalität in einzelnen Bereichen (z.B. bei Checks) nicht geradezu von diesen kommerziellen Strukturen herbeigeführt bzw. begünstigt wird.


3) Die Ausbildung ist von Verkaufsinteressen überlagert bzw. hart ausgedrückt interessensgesteuert.

Der typische frischgebackene Scheininhaber hat am Tag seiner A-Schein-Prüfung etwa 6.000.- € auf den Tisch geblättert. Er hat 90 % des Geldes bei der Flugschule abgeliefert, aber weniger als ein Viertel davon für die Ausbildung selbst ausgegeben. Der Rest verteilt sich auf Schirm, GZ, Retter, Helm, Stiefel, evtl. Vario und Klamotten. Sowie auf einen kleinen Anteil für Übernachtung und Lebenshaltung. Aus der Sicht der Flugschule macht also der Materialverkauf 2/3 bis 3/4 des Umsatzes aus.

Wer als Interessent um den Fliegenhonig der Flugschulwerbung schwirrt, hat für sich diese Rechnung in der Regel noch nicht aufgemacht. Er schaut zunächst nach den Kursgebühren und ist entzückt über deren "Sozialverträglichkeit". Oftmals sind (neben geografischer Nähe) die reinen Ausbildungskosten sogar das entscheidende Kriterium für die Auswahl der Flugschule. Das bedeutet, daß sich die Flugschulen einen harten Konkurrenzkampf darum liefern, die Ausbildungskosten niedrig zu halten. D.h. in der konsequenz wird die personalintensive Ausbildung vom Materialverkauf quersubventioniert, es ist eine Mischkalkulation. Das bedeutet aber auch: Ein Schüler, der keine Ausrüstung kauft, ist für die Flugschule uninteressant, eventuell zahlt sie bei ihm sogar noch drauf. Das kommerzielle Interesse der Flugschule ist also - notwendigerweise! - primär, dem Schüler das Material zu verkaufen. Die Schulung selbst ist (betriebswirtschaftlich gesehen) zweitrangig (was natürlich nicht heißt, daß es keine Fluglehrer gäbe, die ihren Job ernstnähmen), die Schulung gewinnt zwangsläufig den Charakter einer Verkaufsveranstaltung.

Keine Schule kann sich dieser Logik entziehen, aber es gibt Flugschulen, die es hinnehmen, wenn Schüler mit brauchbaren Gebrauchtausrüstungen ankommen. Wir kennen jedoch auch Berichte, daß anderenorts solche Schüler nicht wohlgelitten sind. Ich weiß von einem Fall, wo eine Flugschülerin, die sich als Einzige im Kurs die Ausrüstung nicht leisten konnte, massiv gemobbt wurde, bis hin zu gezielten Funkanweisungen, die sie fortwährend in den Übungshang einbomben ließ!

Aber auch ohne solche mafiösen Exzesse hat der Drang zum Materialverkauf Rückwirkungen auf die Qualität der Schulung selbst. Auch völlig untalentierte Flugschüler sind potentielle Ausrüstungskäufer, man wird sie in den seltensten Fällen wegschicken, selbst wenn für die Fluglehrer klar ersichtlich ist, daß es für sie einfach zu gefährlich wäre, diesen Sport auszuüben. Hinzu kommt, man muß die potentiellen Käufer bei Laune halten. Anstrengung und Leistung abzuverlangen, ist da konterproduktiv, das Organisieren von "Spaß" und "geselligem Beisammensein" dagegen obligatorisch. Man geht z.B. an durchwachsenen Tagen an den Übungshang und zeigt das Rückwärtsaufziehen. Ein paar Talentierte begreifen die Anfänge, wer damit nicht gleich klarkommt, dem erspart man die weitere Mühe achselzuckend. Man wird Schülern auch nicht vehement klarmachen wollen, welche Risiken sie mit diesem Sport eingehen, sie könnten es sich anders überlegen. Ein geschöntes Bild ist einfach umsatzkompatibler. Selbst vor derart offenkundigen Absurditäten wie der, einem Flugschüler in höchsten Tönen die Vorzüge eines Competition-GPS-tralala-Varios anzupreisen, macht man da nicht halt, während gleichzeitig i.d.R. noch nicht einmal die Grundzüge des ominösen "aktiven Fliegens" vermittelt werden. Kurzatmige Grauhaarige quälen sich in niegelnagelneuen topmodischen Overalls den Weg zum Startplatz hinauf, verstehen aber die Tücken des stark abgebremsten Landeanflugs nicht im Ansatz...

Für die Flugschulen ist das im Übrigen kein Problem, schlecht ausgebildete Neupiloten zu entlassen: Sie lieben unselbständige, unsichere Klienten. Mit denen läßt sich auch weiterhin Geld verdienen. Den hier und da durchaus worhandenen Ehrgeiz des Fluglehrers, wirklich mündige, qualifizierte und der Selbstverantwortung auch gewachsene Schüler zu entlassen, honoriert ihm niemand!

Am Ende produziert man Schüler, die noch nicht einmal wissen, was sie noch nicht wissen und können... Sie sind keine "Piloten", man hat sie nur dazu ernannt. Im besten Fall merken sie das schnell und unfallfrei, im schlechtesten Fall nie. Aber ihnen das drastisch klarzumachen, kann sich keine Flugschule leisten!


4) Der Markt ist übersättigt und auf unlautere Werbung angewiesen

In Deutschland buhlen ausweislich der DHV-Flugschuldatenbank (http://www.dhv.de/typo/Flugschuldatenbank.284.0.html) 82 (in Worten: Zweiundachzig!) Flugschulen um die Gunst der Fußgänger. Viele Flugschulen bewegen sich am Rande ihrer Existenzfähigkeit und können nur unter Einsatz saisonaler Hilfskräfte irgendwie überleben. Sie brauchen jedes "Frischfleisch", dessen sie habhaft werden können.

Eine regelrechte Fliegenleim-Infrastruktur hat sich um die Flugschulen herum etabliert. Die Tandempfründe sind mancherorts abgesteckt wie großstädtische Rotlichtviertel. Man weitet die Definition, wer geeignet sei als Gleitschirmflieger, auf nahezu jedermann aus, Fluglehrer "beraten", wie kürzlich berichtet, Rentnerehepaare dahingehend, wie schnell auch sie es erlernen könnten. Daran, Interessenten eine ehrliche Entscheidungsfindung zu ermöglichen, ist niemand interessiert, denn das würde den Anteil derer, die rechtzeitig erkennen, daß es für sie dann doch nicht das Richtige ist, erhöhen. Das kann bzw. will sich keiner leisten.

Diese Situation ist aufgrund des völlig übersättigten, aufgedunsen Anbietersektors praktisch nicht auflösbar. Für 82 Fluschulen ist nicht genug Platz in Deutschland. Wer auf Teufel komm raus Kunden aquirieren muß, kann es sich nicht erlauben, mit ihnen ehrlich umzugehen. Um ein gesundes Maß zu erreichen, müßte der Markt auf vielleicht 25 Flugschulen schrumpfen. Erst dann könnten die Flugschulen es sich überhaupt erlauben (wenn sie es denn wollten), ehrlich mit potentiellen Kunden umzugehen und Piloten auszubilden, die sich ihrer Grenzen und der Risiken des Fliegens klar bewußt sind.


5) Diese Kommerzialisierung ist selbst unfallverursachend

In der Summe trägt diese hochgradige Kommerziallisierung ihrerseits zum Unfallgeschehen bei. Der übersättigte Zustand des Markts ist nur um den Preis zu haben, daß man den Leuten Flausen in den Kopf setzt. Hochgradig unsichere Scheinabsolventen stehen neben solchen, die sich für unverletzbar halten. Beide sind in hohem Maße gefährdet. Ein gesundes Mittelmaß: Profunde Ausbildung und gesunder Respekt ist hingegen die Ausnahme. Fehlendes Risikobewußtsein und die Unfähigkeit zur präzisen Risikoabschätzung sind systemisch gesehen die Unfallursache Nr. 1 - und genau um diese Bereiche (die womöglich abschrecken und gewiß höchste Anstrengung erfordern) wird, um den Umsatz nicht zu gefährden, in der Ausbildung am vehementesten herumgeeiert und -taktiert.

Die Natur ist geduldig. Doch irgendwann kommt der Moment, wo sie leidenschaftslos die Frage aufwirft, wer der Chef im Ring ist. Zuviele sind auf diesen Augenblick nicht vorbereitet. Man wollte ihnen nur die Glitzerseite zeigen: Die schöne Seite wurde organisiert als Erlebnis, als Event - die Kehrseite hingegen nur als graue Theorie. Was sollten die Newbies da schon anderes tun als ihren Lehrern zu glauben?


Gruß Rüdiger

harald e. wolf
05.07.2011, 15:29
ruewa - immer wieder ein Genuss!

Forix
05.07.2011, 15:44
Das Problem ist eher das es zu wenig kommerzialisiert ist.

Wenn ich mir dir Kalkulationen der kleinen Schulen und Shops mal so durchdenke, dann frage ich mich wie man davon leben kann. Ich würde mal sagen weniger als 10% der Flugschul/Shop Besitzer haben eine Kaufmännische Ausbildung und somit wird dumping angeboten nur um etwas umzusetzen

Wo wird denn "Dumping" angeboten?
Habe ich bisher noch nicht erlebt.
Ich finde unseren Sport relativ teuer.

Eine Fahrausbildung ist wesentlich billiger zu bekommen, bei viel höheren Kosten für das Ausbildungsunternehmen.




Die besten Stilblüten schlägt da ja gerade das Checken, seit es Hinz und kunz machen dürfen. Wer für 80 Euro einen kompletten Check anbietet kann nicht vernünftig arbeiten oder er würde konkurs machen.

Gruß

Claus

Wer checken darf und wie schreibt der Hersteller vor. "Hinz und Kunz" dürfen schon immer Checks machen, Du tust ja gerade so als wäre das erst seit kurzem so.
Warum jetzt 80 Euro besonders billig sein sollen verstehe ich nicht wirklich.
Eine Auto HU beim TÜV in Deutschland kostet weniger, bei Messinstrumenten die wahrscheinlich das zehnfache kosten.

Warum also sind 80 Euro Dumping?
Findest Du die TÜV Preise in Deutschland dann auch Dumping?


Diese vereinsbasierte Ausbildung ist eine echte Erfolgsgeschichte, sie hat sich bis heute in hohem Maße bewährt. Der einzige Vorteil der Flugschul-Ausbildung besteht darin, daß sie schneller und mit weniger Mühe absolviert werden kann. Der Vorteil hat aber auch eine Kehrseite: Die langsamere Ausbildung in den Vereinen hat sich als nachhaltiger und letztlich gründlicher erwiesen: Vereinsflugschüler fliegen konstanter als diejenigen, die schnell gelernt und schnell vergessen haben. (Im Fallschirmsport kenne ich mich nicht aus, aber auch hier findet ein Großteil der Ausbildung in den Vereinen statt.)

Für mich persönlich hat das Gleitschirmfliegen mehr etwas mit Alpinismus zu tun als mit dem Segelfliegen. Im Alpininismus hat es sich bewährt nicht Vereine mit der Ausbildung/Guiding zu betrauen, sondern Bergführer/Bergschulen. Ausserdem kann jeder mehr oder weniger tun und lassen was er will, das hat sich auch bewährt.

Was sagst Du jetzt?

ruewa
05.07.2011, 16:31
Was sagst Du jetzt?

Nix mehr...

El Zorro
05.07.2011, 16:35
Das ist, gelinde gesagt, Bloedsinn!


Ich wäre da mal etwas zurückhaltender.
Was wäre es denn "ungelinde" gesagt?

Vielleicht kannst Du mir erklären, woher Du speziell den Überblick hast.
Du kennst (mutmasslich) vielleicht ein / zwei, vielleicht auch drei Schulen. Davon je nach Örtlichkeit auch eine etwas grössere. Wie es anderswo zugeht, weisst Du auch mit Bestimmtheit?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass einige FS ganz schön zu knabbern haben und schon aus rein geographischen Gründen nicht mit 15 oder gar mehr Schülern pro WE, den Sommer über, kalkulieren können.

Gruß
Bernd

Slipstream
05.07.2011, 17:18
ruewa - immer wieder ein Genuss!

Wenn ich in mancher Sichtweise anders denke (ist auch Egal) ist doch oft viel dran an seinen Texten.
Aussagen die mir jedenfalls logischer & kompetenter als bei so manch anderen Poster erscheinen.
Vor allem keine Schönmalerei. Aufgrund der Länge der Texte teilweise mir etwas Anstrengend zu lesen.
Doch häufig kann ich dafür viel darüber nachdenken. Mir hat das in so mancher Hinsicht die Augen geöffnet.

limeric
05.07.2011, 17:19
Hy,

es lebe die Planwirtschaft, ääh soziale Planwirtschaft ?

Limeric

Vibe
05.07.2011, 18:12
Wenn die Kalkulation nicht aufgeht regelt das die Marktwirtschaft von selbst!

Ergaenzung: Und wenn Flugschulen eingehen dann doch eher die Kleineren, oder?

Wie viele Schueler hat eine Gruppe an der WaKu? ;)

Ich finde es gibt schon einen Unterschied ob man für seinen Job ausreichend oder zufriedenstellend bezahlt wird. Wenn also eine kleine Flugschule gerade so über die Runden kommt und trotzdem genauso viel arbeiten muss wie die Fluglehrer in einer Großen, dann stimmt doch irgendwas nicht und trotzdem wird es für Leute wie Forix immer noch zu teuer sein.

Gruß

Claus

piti
05.07.2011, 19:01
Eine Fahrausbildung ist wesentlich billiger zu bekommen, bei viel höheren Kosten für das Ausbildungsunternehmen.

das glaubst du ja selber nicht.


Warum jetzt 80 Euro besonders billig sein sollen verstehe ich nicht wirklich.
Eine Auto HU beim TÜV in Deutschland kostet weniger, bei Messinstrumenten die wahrscheinlich das zehnfache kosten.
Warum also sind 80 Euro Dumping?
Findest Du die TÜV Preise in Deutschland dann auch Dumping?

ich hoffe du wirst nie selbständig bei solchen aussagen.

ihl piti

piti
05.07.2011, 20:36
Sorry Forix, aber wenn du von Selbststaendigkeit, Steuer (GmbH gegenueber AG), Abschreibungsmoeglichkeiten, Kalkulation und Personalkosten nix weisst, dann doch eher: 16547

so sehe ich das auch

ihl piti

shoulders
05.07.2011, 21:03
Also nur damit das vorab klar ist - ich such mir Deine Beiträge zum Zitieren nicht etwa häufiger aus, um auf Dir rumzuhacken, sondern weil ich ja meistens mit Vielem übereinstimme und deshalb weniger zitieren muss ("ned g'schimpft is g'lobt" bzw. nicht zitiert ist - oft - zugestimmt) :)


Diese vereinsbasierte Ausbildung ist eine echte Erfolgsgeschichte, sie hat sich bis heute in hohem Maße bewährt. Der einzige Vorteil der Flugschul-Ausbildung besteht darin, daß sie schneller und mit weniger Mühe absolviert werden kann.
Fast ACK - aber ergänzen wir das bitte durch "flexibler". Für mich zum Beispiel war der Verein keine Option, weil er als Entgelt für die Flugstunden sehr viel zusätzlichen Arbeitsdienst im Verein vorsieht. Das mag eine Option für den armen Studenten sein, ist aber für Selbständige mit 80-Stunden-Woche mit begrenzter (auch Restlebens-)Zeit nicht akzeptabel (und vielleicht sollte man auch berücksichtigen, dass sich ja irgendwer die Flugzeuge kaufen muss - alleine von denen im Vereinseigentum könnte kein Hersteller überleben. Insofern sind besagte Selbständige nicht ohne Wert für die Szene, wenn die nicht außerhalb der Vereine auf reiche Erben reduziert werden soll...).

Eine Flugschule hingegen liefert die Möglichkeit, eine Menge Sekundäraufwand einzusparen, der nicht unbedingt dem Fliegenkönnen dient, und private Flugstunden lassen sich trefflich mit den Zeitfenstern eines Arbeitslebens koordinieren. Man mag rote Fahnen gegen diese unsoziale Denkweise schwenken, aber die Situation des armen Studenten ist immerhin mit dem Bonus gekoppelt, aktuell recht viel Zeit und in der Zukunft noch viele gesunde Jahre vor sich zu haben - und außerdem wären solche Gedankenspiele auch nicht besser als die von einem mir an und für sich lieben Diskussionspartner gleich als "Karma-Geschwätz" abservierte Wahrnehmung des körperbetonten Fliegens... :)


Der typische frischgebackene Scheininhaber hat am Tag seiner A-Schein-Prüfung etwa 6.000.- € auf den Tisch geblättert. Er hat 90 % des Geldes bei der Flugschule abgeliefert, aber weniger als ein Viertel davon für die Ausbildung selbst ausgegeben. Der Rest verteilt sich auf Schirm, GZ, Retter, Helm, Stiefel, evtl. Vario und Klamotten. Sowie auf einen kleinen Anteil für Übernachtung und Lebenshaltung. Aus der Sicht der Flugschule macht also der Materialverkauf 2/3 bis 3/4 des Umsatzes aus.
(...)
Ich weiß von einem Fall, wo eine Flugschülerin, die sich als Einzige im Kurs die Ausrüstung nicht leisten konnte, massiv gemobbt wurde, bis hin zu gezielten Funkanweisungen, die sie fortwährend in den Übungshang einbomben ließ!Interessant. Woher weißt Du, was hier "typisch" ist?

Ich habe zum Beispiel "nur" rund zwei Drittel davon gezahlt. Und davon war wiederum mehr als die Hälfte Ausbildung incl. Ausrüstungsmiete sowie Begleitkosten (Anfahrten, Übernachtung). Die Flugschule hat an meiner Ausrüstung gar nichts verdient; die habe ich in deren Verlauf woanders gebraucht gekauft und damit etwas mehr als die Hälfte der Ausbildung incl. Prüfung (sowie die nächsten 150 Flüge) absolviert.

Mehr als ein-, zweimal kurz geschluckt haben die deswegen nicht - "gemobbt" schon gar nicht - und vor allem war ich nicht der Einzige in meinen Kursen, der das so gehalten hat. Hatten die auch gar nicht nötig; dafür sind ja dann später einige Teilnehmer (ich nicht) in ihren ersten Freiflugjahren zu betreuten Reisen, Fortbildungen etc. angetanzt - und da ist das Verhältnis zwischen Aufwand und Angebot für den Anbieter wesentlich attraktiver...

Warum sollen diese Flugschulen (mit dreien hatte ich länger zu tun) weniger "typisch" gewesen sein?


Oftmals sind (neben geografischer Nähe) die reinen Ausbildungskosten sogar das entscheidende Kriterium für die Auswahl der Flugschule.Glaube ich nicht. Die geografische Nähe ist relevant, aber die Ausbildungskosten unterscheiden sich gar nicht so sehr, als dass sie als hauptsächliches Entscheidungskriterium herhalten könnten. Damit wackeln auch die Schlußfolgerungen, die über dem "Ausbildungs-Preiskampf" errichtet werden - obwohl natürlich jeder Betrieb mehr oder weniger eine Mischkalkulation führt.


Selbst vor derart offenkundigen Absurditäten wie der, einem Flugschüler in höchsten Tönen die Vorzüge eines Competition-GPS-tralala-Varios anzupreisen, macht man da nicht halt, während gleichzeitig i.d.R. noch nicht einmal die Grundzüge des ominösen "aktiven Fliegens" vermittelt werden. Kurzatmige Grauhaarige quälen sich in niegelnagelneuen topmodischen Overalls den Weg zum Startplatz hinauf, verstehen aber die Tücken des stark abgebremsten Landeanflugs nicht im Ansatz...Auch wenn's eine verführerische Rethorik ist, vor allem weil sie auf andere zielt - wie repräsentativ sind solche Beobachtungen? Oder wie übertrieben?

Ich stehe jedes Jahr an vergleichsweise vielen Startplätzen, und es gibt solche Bilder und Gespräche - aber es hängt stark davon ab, wo man gerade seine Beobachtungen macht. In Kössen, oder zur Urlaubszeit an einem Voralpenberg - keine Frage, da sieht und hört man beides. Woanders gibt's aber auch viele Flieger, die sich noch in den Anfängen befinden, und die nehme ich mehrheitlich als überlegt, vorsichtig, selbstkritisch und wißbegierig wahr. Gibt's nicht vielleicht doch eine ganze Reihe ordentlich agierender Flugschulen, oder sind die bloß alle ehemalige Segelflieger (Sorry, der musste sein :)).


Diese Situation ist aufgrund des völlig übersättigten, aufgedunsen Anbietersektors praktisch nicht auflösbar. Für 82 Fluschulen ist nicht genug Platz in Deutschland. Wer auf Teufel komm raus Kunden aquirieren muß, kann es sich nicht erlauben, mit ihnen ehrlich umzugehen. Um ein gesundes Maß zu erreichen, müßte der Markt auf vielleicht 25 Flugschulen schrumpfen.Das ist nun allerdings korrekt, denn der DHV spricht von jährlich 2.000-2.500 Scheinneulingen. Macht rund 25-30 pro Schule, oder rund 30-40 TEUR Umsatz pro Jahr alleine mit Ausbildung; das wird für zwei Fluglehrer als Vollzeitjob knapp.

Allerdings ist das Zubrot über den Verkauf dann doch ein solches, und beides zusammen hält den Laden am Laufen. Zumal es Flugschulen gibt, die davon gar nicht leben müssen, sondern eher als Reiseanbieter reussieren (BTW: es gibt auch auf anderen Gebieten - es wiehert im Hintergrund :) - Ausbilder, die nicht davon leben müssen, und das sind oft die engagiertesten - klar spricht das gegen eine Kommerzialisierung, aber es untergräbt auch deren Feststellung).

Ich finde das Bild jedenfalls zu düster gezeichnet. Zumal man eines nicht vergessen darf: bei einem Überangebot findet eine Marktbereinigung statt, und zumindest den hier und im Sicherheitsbereich Schreibenden soll man doch abnehmen, dass den deutschen Schüler in erster Linie die Sorge um unzureichende Inhalte umtreibt. Dann aber wäre das alles gar nicht so schlimm und über kurz oder lang kristallisierten sich die besseren heraus.

Das passiert sowieso, denn wie Du selber sagst, krebsen viele Schulen gerade so am Existenzminimum herum. Ist doch prima, dann sind es demnächst keine 82 mehr :)


CU
Shoulders

SebastianB
06.07.2011, 07:19
Das ist, gelinde gesagt, Bloedsinn!

Wenn ein Kurs zwischen 10 und 15 Schueler hat (Am Wochenende waren´s bei uns immer mehr da einige ihre Hoehenfluege komplettierten) und die Schueleranzahl ungefaehr gleich bleibt, dann hat man, nach der "Verschlankung" pro Kurs zwischen 30 und 45 Schueler.
Es bringt auch nicht viel die Schueler auf mehrere Kurse auf zu teilen weil die Schulungsgebiete werden ja nicht mehr.

Aber auf den einzelnen Schueler eingehen brauchst du dann ueberhaupt nicht mehr, das ist dann erst recht Massenabfertigung.

Du hast die Aussage von ruewa, die dahintersteckt, nicht verstanden. Die Aussage war nich: "Wir gehen nun einfach mal mit dem Rotstift durch die Flugschullandfschaft und streichen 2/3 der Flugschulen einfach raus" (Für was um Gottes Willen soll denn das gut sein?). Sondern: Wir verbessern die Qualität, ändern das Konzept und daraus resultieren geänderte Rahmenbedingungen. Die Ausbildung wird teurer, langwieriger, die Fluglehrer können ehrlicher sein ("Du eignest dich nicht"), u.s.w.. Teurer, langwieriger, selektieren…mhhh - lass uns überlegen: Das hört sich doch irgendwie nach weniger Fluganfänergn an, - oder?
Auch wenn dir die Aussage nicht klar war - du hast doch deine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse ins Feld geführt:
Weshalb reduzieren sich im Wettbewerb, wie hier am aufgezeigten Beispiel Flugschulen, die Marktteilnehmer? In diesem Beispiel, weil durch die geänderten Rahmenbedingungen die Flugschüleranzahl SINKT (und nicht konstant bleibt!!!). Erst daraus resultiert die Schrumpfkur der Flugschulen! So und nun kannst du dir überlegen, wie sich wohl die Flugschüleranzahl im Kurs verändern wird.


Sorry [..], aber wenn du von Selbststaendigkeit, Steuer (GmbH gegenueber AG), Abschreibungsmoeglichkeiten, Kalkulation und Personalkosten nix weisst, dann doch eher: 16547

SebastianB
06.07.2011, 08:12
Und jetzt?

hast du die zusammenhänge und - ich ergänze - die aussagen immer noch nicht verstanden!

SebastianB
06.07.2011, 08:46
Das ist deine Meinung.

Ich hab eine andere.

Und jetzt?
mhh - wie soll ich sagen, lieber Wolfgang. Ich hoffe, du hast über andere Zusammenhänge, bspw. über den Zusammenhang zwischen Massen und der Schwerkraft, nicht auch "spezielle" eigene Meinungen! :-)

Flug-K-Kai
06.07.2011, 09:16
Hallo,

da hat sich ja eine lebhafte Diskussion entwickelt. Ich versuche mal die Standpunkte grob zusammenzufassen:


Überkommerzialisierung ist mit Abzocke gleichzusetzen und findet vorrangig dort statt, wo versprochene Leistungen nicht oder nur überteuert erbracht werden.

Kommerz ist wichtig dafür, dass uns Fliegern Material und Dienstleistungen angeboten werden können. Deswegen ist er willkommen, Überkommerzialisierung in dem Sinn gibt es demnach nicht

Alles was die Flugschule auf der Wasserkuppe macht ist mit Überkommerzialisierung und Abzocke gleichzusetzten (ACHTUNG! Das ist keine Behauptung von mir, sondern so habe ich Aussagen hier verstanden. Um mir die PN von Marc zu ersparen, distanziere ich mich hier gleich in aller Form von dieser Aussage!)

Das Grundproblem liegt in der Organisationsstruktur der Ausbildung. Ein vereinsbasiertes System, vergleichbar mit den Segelfliegern, wäre der bessere Weg.
@ruewa: Kompliment für Deinen Beitrag. Du hast Dir nicht nur viel Zeit genommen, sondern Deinen Standpunkt aus meiner Sicht sehr gut dargestellt. Schön und wohltuend, dass Du dabei auf die Beschimpfung anderer Forumsteilnehmer gänzlich verzichten kannst! :)


Off Topic gibt es offenbar Anhänger unterschiedlicher Ströme der Betriebswirtschaftslehre, die mit Feuereifer für Ihre Überezugung einstehen...:p

Schonmal danke allen, die sich bisher geäußert haben. Mir ist jetzt schon klarer, was gemeint ist. Freue mich aber natürlich über weitere Aspekte.

Gruß Kai

shoulders
06.07.2011, 09:41
Sondern: Wir verbessern die Qualität, ändern das Konzept und daraus resultieren geänderte Rahmenbedingungen. Die Ausbildung wird teurer, langwieriger, die Fluglehrer können ehrlicher sein ("Du eignest dich nicht"), u.s.w.. Teurer, langwieriger, selektieren…mhhh - lass uns überlegen: Das hört sich doch irgendwie nach weniger Fluganfänergn an, - oder?
Und wenn wir's bleiben lassen? Angeblich bewegt sich doch ein Großteil der Flugschulen "knapp an der Existenzfähigkeit und überlebt nur dank saisonaler Hilfskräfte". Dann fallen die bald von ganz alleine weg, denn die Betriebskosten werden nicht weniger; das ist eine natürliche Marktbereinigung ganz ohne regelnden Eingriff.

Letztlich steckt da viel Spekulation drin (geschliffen formulierte Statements sind nicht automatisch zutreffender). Es kann sein, dass eine aufwändigere und teurere Ausbildung marktstraffend wirkt, weil die "Schwachen" dann nicht mehr mithalten können - genauso gut kann daraus aber auch einfach ein allgemeiner Preisanstieg resultieren, denn auch die "Guten" legen steigende Kosten auf die Preise um.

Solchen Überlegungen liegt folgende Annahme zugrunde: es gibt gute Ausbildungen, die sind teuer - und es gibt schlechte, die sind billig. Wenn wir nun die gute Ausbildung zur Norm machen, ändert sich für die guten Flugschulen nichts, aber die schlechten sterben aufgrund gestiegener Betriebskosten aus.

Tatsächlich werden aber die guten Flugschulen eine quasi-offizielle Anhebung der Prüfungskriterien nutzen, um ebenfalls Preissteigerungen durchzusetzen. Das erleben wir bei den Fahrschulen schon seit Jahrzehnten. Oder die Spritpreise: sobald in der Zeitung steht, dass das Öl teuer oder knapp sei, ziehen prompt die Preise an - obwohl sich das im Einkauf der Konzerne oft gar nicht niederschlägt. Auch das ist nämlich Betriebswirtschaft: Gewinnmaximierung wann immer möglich.

Eine weitere wackelige Annahme: man kann ungeeignete Flugschüler, speziell Grobmotoriker, per Dekret schon vor Beginn der richtigen Flugausbildung aussieben lassen. Erstens ist jeder HFA ein Grundkurs vorgeschaltet, bei dem besagte Motorik nicht nur entwickelt wird, sondern der ohne selbige auch richtig wenig Spaß macht; das lässt bereits heute die ganz Ungeeigneten schon vor der HFA aufhören (spektakuläre, gegenteilige Einzelbeobachtungen reichen nicht für die Behauptung des Gegenteils). Vielleicht hätte manch einer ja gerne zusätzlich eine Art charakterlichen Eignungstests (wie praktisch, dass den von uns keiner mehr ablegen muss ;)) - aber das kann man weder in eine Richtlinie gießen, noch kontrollieren.

Deshalb ist eine Anhebung der Ausbildungsinhalte und ein einfacher Satz zusätzlicher Regelkriterien (Mindestdauern beispielsweise) ja trotzdem sinnvoll - aber als Allheilmittel gegen Preiskampf, Marktverzerrungen, Filz und zeitgeistgetriebene Fehlentwicklung (Spaßdödel), wie das hier ein wenig naiv suggeriert wird, wird sie die Erwartungen nicht erfüllen.

Interessant immerhin ist die Idee der Vereinsausbildung, zumal es dafür dann auch Versicherungen z.B. über die Landessportbünde gäbe. Das klappt auch auf anderen Gebieten. Allerdings kann man hierbei nicht einfach Erfahrungen aus dem Segelflug oder dem Reitsport aufs Gleitschirmfliegen übertragen. In jedem Flugzeug sitzt anfangs ein Fluglehrer mit drin, der Fehler ausbügelt, welche andernfalls definitiv dramatische Folgen haben. Der Übergang zum Alleinflug erfolgt also sozusagen stufenlos, und das kann auch ein Verein mit ehrenamtlichen Lehrern relativ gut handhaben. Beim GS kommt abgesehen von den paar Laufübungen sofort der "Alleinflug", bei dem die 10 Meter "orthopädischer Grenzwertigkeit" überschritten werden. Das Risiko, dass der Aspirant was falsch umsetzt und sich ordentlich weh tut, ist also ungleich höher - und ob sich Ehrenamtliche das antun wollen, sei mal dahin gestellt. Man kann also ruhig Versuche hin zur offiziell anerkannten Vereinsausbildung, vielleicht auch Vereinsfortbildung (gibt's ja übrigens schon z.B. in Form von Retterwurftrainings), anleiern, das wird nichts schaden - aber ich bezweifle stark, dass diese Alternative die Ausbildungslandschaft spürbar verändert.


CU
Shoulders

SebastianB
06.07.2011, 10:05
Und wenn wir's bleiben lassen?
Das war aber nicht die Aussage! Aber auch wenn,



Angeblich bewegt sich doch ein Großteil der Flugschulen "knapp an der Existenzfähigkeit und überlebt nur dank saisonaler Hilfskräfte". Dann fallen die bald von ganz alleine weg, denn die Betriebskosten werden nicht weniger; das ist eine natürliche Marktbereinigung ganz ohne regelnden Eingriff.
Weshalb? Einfach so? Ganz spontan? Weil eben…. irgendwie und spontan fallen halt mal 2/3 der Flugschulen weg? Kannst du irgendwelche plausbilen und nachvollziehbaren Gründe hierfür anführen?
DU kennst die Preis-Absatz-Funktion, und die Grundtheorien der Allg. BWL über Märkte?




Es kann sein, dass eine aufwändigere und teurere Ausbildung marktstraffend wirkt, weil die "Schwachen" dann nicht mehr mithalten können

Da hst du Recht - da erachte ich auch als Spekulation. Aber darum geht es nicht, sondern nicht genausogut - sondern genau deshalb:


- genauso gut kann daraus aber auch einfach ein allgemeiner Preisanstieg resultieren, denn auch die "Guten" legen steigende Kosten auf die Preise um.

Oder weiter:
Tatsächlich werden aber die guten Flugschulen eine quasi-offizielle Anhebung der Prüfungskriterien nutzen, um ebenfalls Preissteigerungen durchzusetzen.

Korrekt: Das kann, vor dem Hintergrund, dass die FS wohl bei dem enormen Wettbewerb mit spitzen Bleistift kalkulieren müssen, nicht anders sein. Egal wie - da die Teilnehmer auf einem normalen Wettbewerbsmarkt, in einer Makrtwirtschaft, mit einem funktionierendem Rechtsystem, agieren, greifen die seit Jahrhunderten gültigen Theoreme der BWL wie. U.a. PAF etc.
Natürlich können wir jetzt, wie Wolfgang vorgeschlagen, über die Korrektheit dieser Grundzusammenhänge und in jedem BWL Lehrbuch stehenden "Marktgesetzte" diskutieren. Nur da sollten wir uns vielleicht ein anderes Forum suchen.

Fassen wir also zusammen. Höhere Qualität durch bspw. schärfere Ausbildungsrichtlinien bedeutet längere und teurere Ausbildung bedeutet weniger Frischfleisch bedeute wahrscheinlich auch weniger "Will mal kurz Spaß haben und mach mal so nebenbei ein Gleitschirmkurs" Anfänger!

shoulders
06.07.2011, 10:18
Weshalb? Einfach so? Ganz spontan? Weil eben…. irgendwie und spontan fallen halt mal 2/3 der Flugschulen weg? Kannst du irgendwelche plausbilen und nachvollziehbaren Gründe hierfür anführen?
Weil Flugschulen Klein- und Kleinstbetriebe sind, die direkt den Lebensunterhalt der Betreiber stellen. Wenn nun solche Betriebe fast nicht mehr existieren können, die Betriebskosten gleich bleiben oder steigen, und dazu die Lebenshaltungskosten in jedem Fall stetig zunehmen, ist die Existenzgrenze bald unterschritten (ein Betrieb hingegen, über dessen Fortführung nicht die Arbeiter direkt entscheiden, zahlt in dieser Lage stagnierende oder sinkende Löhne, wird aber nicht direkt durch deren Lebenshaltungskosten gesteuert) und die Betriebsaufgabe die logische Folge.

Über unlogisches Verhalten müssen wir hier nicht nachdenken, das ist ja noch spekulativer - und die Prämisse, dass jener große Teil der Flugschulen eigentlich nicht existenzfähig ist, muss ja auch nicht stimmen.

CU
Shoulders

Cacao
06.07.2011, 18:12
Wenn ein Lebensbereich als "über- kommerzialisiert" bezeichnet wird, steckt in dem Wort ja eine „Kulturkritik“, dass also dieser Bereich nicht der Kommerzialisierung unterworfen sein sollte.
Nun wird aber kaum jemand sagen können, dass der Bereich Fliegen nicht der ökonomischen Denkweise unterliegen dürfte, wie z.B. „nicht materielle Güter“.

Insofern kann man Fliegen nicht gleichsetzen mit Dingen wie Religion oder besondere Künste oder irgendwelche Persönlichkeitsrechte, die nicht dem Handel unterliegen sollten.
Das würde ja bedeuten, dass das Fliegen doch ziemlich „überspannt“ gesehen wird…

Immerhin, Gary Stanley Becker ist ein US-amerikanischer Ökonom und Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften. Der Nobelpreis wurde ihm 1992 „für seine Ausdehnung der mikroökonomischen Theorie auf einen weiten Bereich menschlichen Verhaltens und menschlicher Zusammenarbeit“ verliehen.

Zitat:
Becker war einer der ersten Ökonomen, der die Wirtschaftswissenschaft auf Gebiete ausdehnte, die traditionell eher zur Soziologie gehörten, wie z.B. Rassendiskriminierung Kriminalisierung, Organisation der Familie und Drogenabhängigkeit. Er ist für seine Argumentation bekannt, dass viele Formen des menschlichen Verhaltens als rational und Ergebnis von Nutzenmaximierung verstanden werden können.

Gleichzeitig unterstreicht Becker in seiner Forschung die Bedeutung von zwischenmenschlichen Individuums-Verbindungen.


Dieses gilt auch für den Altruismus (als Gegensatz zum Egoismus oder die Interessenbalance zwischen Egoismus und Altruismus, die oft als „Liebe“ bezeichnet wird), welcher definiert ist als eine Verhaltensweise, die einem Einzelnen mehr Kosten als Nutzen einbringt zugunsten eines Anderen. Insofern ist dieser gewissermaßen "unökonomisch", was ja nicht gerade neu ist.

Aber das beim Fliegen? Insofern kann ich nicht sehen, dass „Ökonomisches Handeln“ bei uns nicht stattfinden soll.
Auswüchse sind allerdings überall zu bekämpfen, das Wort „Über-….“ sagt das ja schon.