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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Pilot - Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten



bigben
25.10.2015, 11:04
Im Faden "DHV Safety Class Tests vs. EN/LTF" geht es ja um die Einstufung der Schirme. Ein wesentlicher Faktor zur Auswahl des passenden Schirmes ist ja das eigene Pilotenkönnen. Ein Großteil des fliegerischen Gesamtrisikos entsteht ja gerade erst aus der Kombination Pilotenfähigkeiten / passender Schirm. Es wird ja oft und wohl auch in Teilen zu Recht kritisiert, dass Piloten zu früh auf höher klassifizierte Schirme aufsteigen, die ihren eigenen Fähigkeiten nicht entsprechen und dann ggf. schnell feststellen, dass sie den Ansprüchen, die der Schirm an sie stellt, nicht gerecht werden.

In der Luft sind wir ja i.d.R alleine unterwegs, d.h. es meistens niemand da der uns mal sagt " Das machst Du gut, oder das eben nicht" Wir schätzen unsere eigenen Fähigkeiten ja selbst ein und die meisten glauben ja auch dass sie das richtig einschätzen, aber ist das dann auch so richtig oder überschätzen wir uns da eher.
Ich selbst tue mich da ebenfalls schwer, eine objektive Beurteilung zu finden. Ein guter Freund sagte da beim letzten Dolourlaub " Wir fliegen da so im oberen Mittelfeld" Das mag so sein, sind aber letztendlich auch nur 2 Selbsteinschätzungen. Vielleicht fliege ich ja auch richtig schlecht, weiß das aber nur nicht. Was sind also die objektiven Kriterien, an Hand derer man seine eigenen Fähigkeiten einstufen kann.

Es gibt da durchaus einige Kriterien, Flugstunden, Manöver, Streckenflüge, etc. aus denen man etwas ableiten kann, auf der anderen Seite sagte mal Kurt Tucholsy " Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen"

Was also sind objektiv überprüfbare Kriterien, an Hand derer man seine eigenen Fähigkeiten zumindest halbwegs realistisch einschätzen kann. Wenn wir das hinkriegen, glaube ich, das mancher seine Schirmwahl zumindest nochmal hinterfragt bzw. in Frage stellt.

Ich freue mich auf Eure Antworten, auf das sie uns alle weiterbringen

Gruß bigben

Goeldi
25.10.2015, 11:54
Also ich denke mal eines der wichtigsten Kriterien ist schon mal, das man seinen Schirm immer schön ruhig über sich halten kann, ihn also gut spürt, versteht und ihm so im richtige Moment die richtigen Steuerimpulse geben kann, ohne viel zu überlegen. Oder anders ausgedrückt, wer schon in etwas turbulenter Luft ständig, auch nur kleine Klapper, kassiert sollte eher eine Stufe runtersteigen als ein hoch. Denn seine Psychomotorik zeigt noch Defizite auf!

Darum denke ich mal der Wohlfühlfaktor ist wohl mit eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Kriterium für die richtige Schirmwahl. Wenn ich also angespannt unter einem Schirm bin, zB. nur weil er eine gewisse Gütelsiegeleinstufung hat oder ich Angst vor einem Klapper habe, gehöre ich jedenfalls definitiv nicht da drunter und habe damit sicherlich auch nicht viel Spass beim fliegen.

Aber kommt die richtige Selbsteinschätzung nicht erst mit der Erfahrung?
Also ich habe mich zumindest am Anfang überschätzt, bzw. damals die dynamische Reaktion bei Kappenstörungen des Sigma 4 unterschätzt! :o Darum habe ich anschliessend erst mal bei Karl Slezak am Achensee ein Sicherheitstraining gemacht, was mir einiges mehr an Schirmverständnis gebracht hat!

Darum, wenn ich heutzutage mit dem fliegen anfangen würde, ich würde garantiert ne Zeitlang einen A Schirm fliegen und nur wenn ich oft und regelmässig fliege über einen B Schirm nachdenken. High end B eh nur wenn ich weiter kommen möchte, auch technisch, und C Schirm nur wenn ich neben der Leistung auch Spass am direkten, dynamischen Handling dieser Klasse habe. Alles weiter ist nur was wenn man ein wirklich gutes, sensibles Händchen gepaart mit dem dazugehörigen technischen Verständnis hat. Dementsprechende Flugpraxis natürlich immer voraussetzt!

ThomasN
25.10.2015, 12:18
Ich finde das eine interessante Frage.

Viele von uns haben eine Neigung, möglichst viel zu kategorisieren, in einfach Schubladen zu packen. Menschen sind perfekte Muster-Erkenner, und je besser man Muster bilden kann, desto einfacher haben wir es.

Es gibt ein paar Muster, die mir bei der Auswahl der Ausrüstung helfen:
- EN/LTF Norm (eher weniger)
- High-Low-ABCD (etwas besser)
- Anzahl der Zellen (nur ein Indiz)
- Streckung (definitiv)
- Acro, "Normal", Liege-GZ (definitiv)
- Testfliegen (unbedingt)

Beim eigenen Einschätzen hilft mir ein Vergleich mit anderen überhaupt nichts. Es ist a) immer falsch und b) zeigt mir das nicht, was/wie ich selbst fliegen kann/sollte.

Was mir hilft, ist mein persönliches Risiko einzuschätzen. Zum Beispiel mit folgenden Fragen (Liste ist natürlich nicht komplett):
- wie viel fliege ich tatsächlich?
- in welchen Bedingungen fühle ich mich wohl?
- wie schnell sind meine Reaktionen?
- welche Fehler mache ich immer wieder?
- wenn ich mal Mist gebaut habe, wie kann ich den nächstes mal vermeiden?
- fühle ich mich mit dem Schirm, dem GZ wirklich wohl? Immer?

Wenn ich mir solche Fragen stelle, weiß ich, dass ein EN-D oder gar CCC überhaupt nicht für mich in Frage kommen. Ein EN-C eventuell schon, aber ich ginge wohl öfter frühzeitig Landen. High-EN-B ist für mich im Moment die richtige Klasse: Spaß, Leistung und Sicherheit zusammen passen.

Darüberhinaus muss ich einfach mehr Geld in mich selbst investieren, anstatt in Ausrüstung (z. B. durch
- fliegen
- Trainings
- noch mehr fliegen ;)
- Groundhandling
- üben in der Luft (Wingovers, Klappern, Konturenfliegen, ...)

Uli Straßer
25.10.2015, 12:58
Ich finde das eine interessante Frage.

Viele von uns haben eine Neigung, möglichst viel zu kategorisieren, in einfach Schubladen zu packen. Menschen sind perfekte Muster-Erkenner, und je besser man Muster bilden kann, desto einfacher haben wir es.

Es gibt ein paar Muster, die mir bei der Auswahl der Ausrüstung helfen:
- EN/LTF Norm (eher weniger)
- High-Low-ABCD (etwas besser)
- Anzahl der Zellen (nur ein Indiz)
- Streckung (definitiv)
- Acro, "Normal", Liege-GZ (definitiv)
- Testfliegen (unbedingt)

Beim eigenen Einschätzen hilft mir ein Vergleich mit anderen überhaupt nichts. Es ist a) immer falsch und b) zeigt mir das nicht, was/wie ich selbst fliegen kann/sollte.

Was mir hilft, ist mein persönliches Risiko einzuschätzen. Zum Beispiel mit folgenden Fragen (Liste ist natürlich nicht komplett):
- wie viel fliege ich tatsächlich?
- in welchen Bedingungen fühle ich mich wohl?
- wie schnell sind meine Reaktionen?
- welche Fehler mache ich immer wieder?
- wenn ich mal Mist gebaut habe, wie kann ich den nächstes mal vermeiden?
- fühle ich mich mit dem Schirm, dem GZ wirklich wohl? Immer?

Wenn ich mir solche Fragen stelle, weiß ich, dass ein EN-D oder gar CCC überhaupt nicht für mich in Frage kommen. Ein EN-C eventuell schon, aber ich ginge wohl öfter frühzeitig Landen. High-EN-B ist für mich im Moment die richtige Klasse: Spaß, Leistung und Sicherheit zusammen passen.

Darüberhinaus muss ich einfach mehr Geld in mich selbst investieren, anstatt in Ausrüstung (z. B. durch
- fliegen
- Trainings
- noch mehr fliegen ;)
- Groundhandling
- üben in der Luft (Wingovers, Klappern, Konturenfliegen, ...)

Das ist ja fast schon eine Art Rezept zum risikokontrollierten, spaßbringenden Gleitschirmfliegen.

Wenn es nur alle so handhaben würden... (und diese Punkte auch in der Ausbildung schwerpunktmäßig behandelt werden würden)

Sehr ehrlich, gefällt mir.

Gruß

Uli

Skade
25.10.2015, 14:16
Darüberhinaus muss ich einfach mehr Geld in mich selbst investieren, anstatt in Ausrüstung (z. B. durch
- fliegen
- Trainings
- noch mehr fliegen ;)
- Groundhandling
- üben in der Luft (Wingovers, Klappern, Konturenfliegen, ...)


die ersten 3 Punkte können Leute, die nicht gerade in den Alpen oder in der nähe von Flugbergen wohnen, nicht machen.
Und zum Thema Wenigflieger. Es ist natürlich unbestreitbar das Sicherheit durch viel Praxis ensteht, aber bei Wenigflieger dauerts halt einfach länger.
Es ist definitiv NICHT so, das man nach einer langen Winterpause bei Null anfängt. Ich habe das Gefühl das es fast nahtlos (vielleicht etwas Flugrost) wieder weitergeht.
Ich hatte schon etliche Aha-Erlebnisse, wo ich einen neuen Skill mir angeeignet habe, den ich n halbes Jahr später wieder anwenden konnte.
Klar...anders (direkt Flugberg in der Nähe) wärs natürlich besser.

Wolfgang Jauch
25.10.2015, 15:59
Hallo Bigben,

sehr gutes Thema. Mir ist schon öfter der Gedanke gekommen, dass Gleitschirmfliegen, so wie es häufig ausgeübt wird, hier ein echtes Manko hat. Nach der Ausbildung gibt uns kaum mehr jemand richtig Rückmeldung über unsere Flugkünste.

Wenn ich das mit Reiten vergleiche ist es dort wesentlich anders. Selbst die sehr guten Reiter nehmen regelmäßig Unterricht und lassen sich ständig kontrollieren um sich zu verbessern.

Nicht nur, dass wir Gleitschirmflieger kaum Rückmeldung über unsere Flugkünste erhalten auch die Lernkurve wird wohl wesentlich flacher sein als in anderen Sportarten.

Vielleicht müsste man auch mal klären was man denn unter Flugkönnen versteht. Schirmbeherrschung auf der einen Seite und die Kunst des Thermik bzw. Streckenfliegens auf der anderen Seite sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Für Zweiteres finden sich leichter Anhaltspunkte.
Aber hier ist schon mal eine Falle. Jemand der sehr gut Thermik fliegen kann und auch weite Strecken fliegt muss nicht zwangsläufig ein sehr guter Pilot sein was die Schirmbeherrschung und die Gefahreneinschätzung angeht auch wenn er das vielleicht glaubt.
Wenn ich mal davon ausgehe, dass für die Schirmwahl eher die die Schirmbeherrschung und die Gefahreneinschätzung ausschlaggebend ist scheinen mir die objektiven Hinweise über mein Können sehr dünn gesät.

Viele Indizien die Aufschlüsse über unser Flugkönnen geben sollen und hier genannt wurden hinken einigermaßen.
Flugstunden: Sagt sicher ein bisschen was aus, allerdings wie du schon sagtest, man kann Dinge auch 35 Jahre schlecht machen und merkt es nicht.
Bei welchen Bedingungen fühlt man sich wohl: Höchst subjektiv. Schon häufiger erlebt. Ein Pilot fühlt sich unter seinem Schirm auch bei bockigen Bedingungen wohl. Dann macht er eine schlechte Erfahrung mit dem Schirm, jetzt fühlt er sich mit dem Schirm plötzlich überhaupt nicht mehr wohl. Dabei hat sich sein können hat sich wohl kaum verändert.
Wie schnell sind meine Reaktionen: Ich kann doch selbst gar nicht einschätzen ob meine Reaktionen in Relation zu Anderen schnell oder eher langsam sind.
usw.

Ich hab eigentlich keine Lösung für das Problem. (Sicherheits-) Tainings helfen sicher eine vernünftige Einschätzung vom Trainer zu bekommen, wenn man sie denn hören möchte.
Was letztens auch sehr spannend war mal mit einem Tandem mitzufliegen und die Reaktionen des anderen Piloten genau zu beobachten.
Ansonsten gehe ich einfach davon aus ein eher unterdurchschnittlich guter Pilot zu sein und wähle meine Ausrüstung entsprechend konservativ. Dann machts nichts wenn ich mich verschätze.

DonQuijote
25.10.2015, 16:22
Was also sind objektiv überprüfbare Kriterien, an Hand derer man seine eigenen Fähigkeiten zumindest halbwegs realistisch einschätzen kann.

Wenn jemand in unterschiedlichen Gebieten und auch für sein Niveau anspruchsvollen Bedingungen fliegt und nie (oder so gut wie nie) einen Klapper hat, fliegt er nicht schlecht und auch mit dem richtigen Schirm. Wenn jemand bei jedem fünften Thermikflug einen Klapper verbucht, dann stimmt hingegen was nicht.


Aber hier ist schon mal eine Falle. Jemand der sehr gut Thermik fliegen kann und auch weite Strecken fliegt muss nicht zwangsläufig ein sehr guter Pilot sein was die Schirmbeherrschung und die Gefahreneinschätzung angeht auch wenn er das vielleicht glaubt.
Wenn ich mal davon ausgehe, dass für die Schirmwahl eher die die Schirmbeherrschung und die Gefahreneinschätzung ausschlaggebend ist scheinen mir die objektiven Hinweise über mein Können sehr dünn gesät.

Viele Indizien die Aufschlüsse über unser Flugkönnen geben sollen und hier genannt wurden hinken einigermaßen.
Denke auch dafür ist es ein gutes Indiz: Wer in der Thermik immer schnell hoch kommt, bei den Höchsten ist (wenn er will) und weite Strecken fliegt und dabei nie Klapper hat, ist für mich ein guter Pilot.

MRB
25.10.2015, 16:39
Nur so ein Gedanke von mir:

Ein regelmässiger Autofahrer, der unfallfrei, weil defensiv, viele Kilometer hinter sich bringt, ist der ein schlechterer Autofahrer als ein Formel 1 Pilot?
Ist ein Fahranfänger, der um seine noch geringe Fahrpraxis wissend vorsichtig fährt, ein schlechterer Autofahrer, als ein geübter Autofahrer der glaubt es im Griff zu haben und sein Auto voll ausfährt?

Was ich sagen will: gelegentlich sind die, die sich selbst hinterfragen besser, als diejenigen, die ohne Selbstzweifel dann eine nachweislich grössere Flugleistung vollbringen. Ist es wichtig sich selbst objektiv einzuschätzen lassen- ist die subjektive Einschätzung nicht stark abhänig vom Ego des einzelnen? Was machen wir falsch anzunehmen, dass wir alle mehr Fortbildung brauchen, immer ein Spielball der Naturgewalten sein werden und weniger manchmal viel mehr ist?

Grüsse

reinhard may
25.10.2015, 16:46
Hallo
Ich schätze mal,wenn man in einer Gruppe mit verschiedenen Piloten unterwegs ist wird es immer einen geben,der manche Sachen besser kann. Wenn man dann ehrlich zu sich ist merkt man,hmm das könnte ich auch mal so probieren bzw.denjenigen mal Fragen,wie er oder sie das macht .Und man kann sein Können auch von mehreren bewerten lassen bzw.auch auf einen Fehler hinweisen,ohne dass sich jemand angegriffen fühlt. Ich glaube,dass bei uns hier oben viele dadurch relativ schnell aus dem Anfängerstadium raus waren. Zumindest hatten wir diesen Vorteil am Anfang nicht. Schwierig wird es,wenn man immer allein unterwegs ist,da weiss ich dann auch keinen Rat,deshalb würde ich fliegen gehen mit einer gemischten Gruppe vorziehen. Gerade,wenn man noch nicht sicher ist.Fragen kostet auch nichts.
Wenn man dann von jemand auf eine Alternative oder eine bessere Methode hingewiesen wurde,darf man natürlich nicht gleich sagen,ach hat ja immer auch so geklappt.
Gruss Mayer

DonQuijote
25.10.2015, 16:47
MRB absolut richtig. Deshalb finde ich z. B. auch manche Wettkampf- oder Streckenpiloten, die zwar in den Listen oft weit vorne rangieren, aber immer wieder kapitale Störungen oder gar Unfälle haben, keine wirklich guten Piloten. Dagegen gibt es Leute, die seit vielen Jahren top Leistungen bringen und das ohne jede Störung oder Unfall. Das sind für mich die richtig guten Piloten.

Wenn nun jemand aber seit vielen Jahren alle anspruchsvollen Bedingungen komplett vermeidet und daher ebenfalls keine Störungen hat (also z. B. nur morgens und abends Abgleiter macht), dann ist das natürlich voll ok, aber ein Indiz für einen guten Piloten ist das nicht.

Vibe
25.10.2015, 17:43
Was ist denn ein guter Pilot?

Ein guter Thermik-Flieger? ein guter Streckenflieger? ein guter Soaring-Flieger? ein guter Acro-Flieger?....

Ist jemand der super Strecken fliegt aber noch nie einen sauberen Wingover geflogen hat nun der bessere Pilot als ein Acro-Pilot der noch nie mehr als 5km geflogen hat? Oder muss man zwangsweise alles können um ein guter Pilot zu sein? Das wird dann aber schwierig...

Gruß

Claus

Malamute
25.10.2015, 17:46
Wie realitätsnah ist den eigentlich der ActiveFly-Gleitschirmsimulator?

Kann anhand verschiedenster schwierigkeitsstufen ermittelt werden, ob ein Pilot die notwendige voraussetzung für einen Highend B-Schirm hat oder doch noch ein paar Jahre seinen A Schirm weiterfliegen soll.

Ich habe solch ein Training noch nicht gemacht, frage mich dennoch wie nah diese Simulation an der Realität ist.

Kann bei dem Simulator überhaupt die Reaktion verschiedener Schrimklassen eingestellt werden.

Können bei dem Simulator unterschiedliche thermische Bedingungen nachgestellt werden? Können entsprechende Kappenstörungen simuliert werden?

Was bringt einem Flieger mit 30-40 Flugstunden im Jahr solch ein Simulationstraining?

Wer konnte hier schon Erfahrungen sammeln und darüber berichten?

Grüssle Harry

bigben
25.10.2015, 19:24
Wenn jemand in unterschiedlichen Gebieten und auch für sein Niveau anspruchsvollen Bedingungen fliegt und nie (oder so gut wie nie) einen Klapper hat, fliegt er nicht schlecht und auch mit dem richtigen Schirm. Wenn jemand bei jedem fünften Thermikflug einen Klapper verbucht, dann stimmt hingegen was nicht.


Denke auch dafür ist es ein gutes Indiz: Wer in der Thermik immer schnell hoch kommt, bei den Höchsten ist (wenn er will) und weite Strecken fliegt und dabei nie Klapper hat, ist für mich ein guter Pilot.

Den Gedanken mit den Klappern hatte ich auch schon, denn die Vermeidung von Klappern ist ja quasi ein Indiz für richtiges "aktives Fliegen" das eben selbige verhindert. Ergo wären Flüge wie Du es oben beschrieben hast, ein Zeichen, daß das "Gespann" funktioniert und wären sozusagen ein Selbstnachweis, dass man "richtig" aktiv fliegt. Wobei ich hier Klapper ab >40/50% meine, darunter ist das Ohrenrascheln. Das müsste man evtl. noch mal definieren. Bleibt noch die Definition von "anspruchsvollen Bedingungen" Ich mache das seit meiner Ausbildung in etwa so:
Nach meiner Ausbildung hatte ich z.B einen meiner ersten Flüge mit Thermik den empfand ich subjektiv als bockig (ich wußte ja nicht was bockig ist) Den FL gefragt der auch in der Luft war " Das war nichts" -> Zustand gespeichert. Immer wenn ich danach subjektiv außergewöhnliche Flüge hatte, habe ich nach der Landung mit Kollegen, FL oder anderen gesprochen und gefragt. "Welchen Grad an Bockigkeit hatte die Fliegerei heute, auf einer 10er Scala der Bockigkeit" Bockigkeit könnte man auch durch "Anspruchsvoll" ersetzen. So hat sich bei mir mit der Zeit eine Scala entwickelt mit der ich den jeweiligen Zustand in der Luft vergleiche und den trage ich mir dazu noch in mein digitales Flugbuch ein. Das Bockigste war mal eine 7, ganz ehrlich, die brauche ich auch nicht nochmal, aber das Ganze ging ohne Klapper ab. Dolos Ende August war zwischen 3 und 5. Für mich funktioniert das so ganz gut nur ist das eben nicht repräsentativ. Vielleicht ist ja mein "7" bei JN nur eine 5 und schon sinkt meine eigen subjektiv festgestellte Flugfähigkeit wieder ordentlich. Auf der anderen Seite habe ich es auch schon erlebt dass erfahrene Kollegen über Funk sehr anspruchsvolle Bedingungen gemeldet haben, ich sie aber danach als ganz OK empfunden habe.

Gruß bigben

shoulders
25.10.2015, 19:55
Ist jemand der super Strecken fliegt aber noch nie einen sauberen Wingover geflogen hat nun der bessere Pilot als ein Acro-Pilot der noch nie mehr als 5km geflogen hat? Oder muss man zwangsweise alles können um ein guter Pilot zu sein? Das wird dann aber schwierig...
"Zwangsweise" nicht - aber ein nicht völlig abseitiges Ziel ist Vielseitigkeit schon. Alleine schon um der Langeweile vorzubeugen oder als Folge eines gewissen "Tunnelblicks" in Selbstüberschätzung abzudriften :)

Und das hat ja auch was Gutes: Diversifikation garantiert (im Gegensatz zu Spezialisierung) für eine wesentlich längere Zeit steile Lernkurven und damit ein Mehr an Spaß und Belohnung.

CU
Shoulders

Clob
25.10.2015, 20:43
frage: wozu dient diese einschätzung insgesamt ?

"ich fliege im oberen mittelfeld" heißt was ?
- muss ich mich weiterentwickeln ?
- sind andere "besser" oder "schlechter" ?
- darf ich entscheiden, wer welchen schirm fliegen darf ?

"ich fliege in anspruchsvollen bedingungen" heißt was ?
- ich muss die grenzen verschieben, die in mir sind bzw. die ich aus dem wetter ablese ?
(grenzen erkennt man im selbstversuch immer nur von der falschen seite....)
- heißt das, ich darf anderen den start verbieten ?


ist nicht jeder gesunde und zufriedene pilot, der sich an regeln des gemeinwohls hält (stichwort fluggebiete erhalten, gesetze und so, inkl. sozialverhalten)
und der andere nicht gefährdet ein guter pilot?

ThomasN
25.10.2015, 23:31
Der Thread hat es mir angetan. Wieder mal ist es so, dass es keine EINE Antwort gibt. Wieder ein Thema, dass immer wieder breiter und tiefer diskutiert werden kann und muß, um uns allen zu nutzen. Wieder mal ein Thema, bei dem jeder Recht hat, weil es keine Wahrheit gibt.


Ich habe mir mal (inspiriert von Euch) zusammengeschrieben, was (für mich) Kriterien für einen guten Piloten sein können. Weder ist die Aufzählung vollständig, noch müssen alle Punkte zutreffen, noch muss irgendjemand überhaupt zustimmen. Auch habe ich keinerlei Priorität oder Wichtigkeit vergeben. Jede(r) nehme sich was gebraucht werden kann :)


Ich fand es spannend, beim Brainstorming wiedermal festzustellen, wie komplex unser Hobby doch ist. I love it :)


Aspekte der Fähigkeiten eines Piloten


Schirm- und Gurtzeugbeherrschung


in verschiedenen Bedingungen (schwach, stark, anspruchsvoll)
Soaring, Thermik, Acro
Übungen (Wingover, Nicken, Rollen)
Extremsituationen (Klapper, Abreisser, Verhänger)
kennt Schirm und Gurtzeug und Kombination
übt oft und regelmäßig
Retter (kürzlich) (selbst!) gepackt
Retter gut (selbst!) eingebaut
Alles regelmäßig selbst (!) geprüft und natürlich auch offiziell gecheckt
Gurtzeug richtig eingestellt
Kletts hin- und wieder geöffnet (speziell Retterleinenabdeckung)
kann überall landen

flache Wiese, Hang, Top
Riesenfeld -> Kleingarten
Stark- Null- Rückenwind


kann überall starten

Hang, Klippe, Winde
Gras, Steine, Gestrüpp
steil -> flach
Stark- Null- Rückenwind
vorwärts, rückwärts, Kobra, Varianten


führt Vorflug-Check, 5(-x)-Punktecheck durch



Geräte-Beherrschung


Vario
GPS
Up- und Downloads
Batterien immer geladen
Lufträume, Wegepunkte und Karten aktualisiert
es gibt keine Unbekannten mit dem Gerät

alle Funktionen und Features bekannt
alle angezeigten Informationen verstanden und sofort interpretierbar


Änderungen könnten notfalls in der Luft durchgeführt werden



Theoriekenntnisse


Aerodynamik
Gerätetechnik
Wetterkunde
Luftrecht
Materialkunde



Mental trainiert


entwickelt bewußt und langfristig eigene Routinen
offen eigene Routinen anzupassen und Neues aufzunehmen
verbessert eigene und paßt Routine auch immer wieder
Notfallsituation mental trainiert

z. B. Kontrollverlust -> Höhencheck -> Retterwurf


Normalsituationen mental trainiert

schwache/sehr starke Bedingungen
Strecke mental abgeflogen (z. B. Google Earth)


Stress-Sitationen trainiert

Startplatz-Chaos
Pulk-Fliegen
Lee-Situationen
“unlandbares” Gelände
Wetterumschwung
Lemming-Effekte




Fliegt verschiedene Disziplinen


Hausberg
Soaring
Thermik
Strecke (klein, groß, riesig)
Übung
Walk und Fly
Acro
Punktlanden
Wettbewerb
alle Jahreszeiten
Küste, Berge, Flachland, Inseln



Lernt konstant dazu


Blogs, Foren, Magazine, Vorträge
Sicherheits-, XC-, Thermik- und sonstige Trainings
tauscht sich regelmäßig und oft mit (besseren) Fliegern aus
reflektiert eigene Flüge und die anderer
analysiert (allein oder mit anderen) Flüge (eigene, andere)
Schaut sich Videos an (gerne selektiert) mit Ziel was draus zu lernen
fliegt
Groundhandling (mit geflogenen Schirm!)
Liest einschlägige und verwandte (z. B. Segelfliegen) Literatur
lernt Acro-Manöver (im Rahmen, ohne Acro Flieger zu werden)
fliegt unterschiedliche Schirme

ABCDCCC, Acro, Speed, SingleSkin und andere Schirme


spricht und lernt von Drachen- Segel- und Motor-Fliegern
erwirbt den Windenschein
spricht mit den Lokal, Fluglehrern, XC-Cracks

und hinterfragt die Informationen, anstatt sie gläubig zu schlucken




Risiko Management


kennt eigenes Limit und seine Schwächen
fliegt (weit) innerhalb des eigenen Limits
prüft laufend alle Risikofaktoren
prüft sein eigenes Risiko Management und adaptiert/verbessert laufend
Trainiert Notsituationen (z. B. im Sicherheitstraining)

wirft den Retter




Wetter richtig einschätzen


beschäftigt sich regelmäßig mit Wetter
prüft (Tage) vor dem Flug das Wetter bis zum Flugtag
nutzt mehrere Quellen
analysiert Vorhersagen vs. tatsächlichen Wetter
lernt die Wettertheorie, nicht nur Windrichtung und -stärke
beschäftigt sich mit Talwindsystemen



Flugplanung


macht sie
prüft Lufträume
lädt sie auf sein GPS
hält sie ein
hat immer einen Plan B, C und D bereit

für den Moment
für die Strecke
bei unvorhergesehenen Ereignissen




Gibt sein Wissen weiter


im Verein
am Berg
bei Anfängern



Hält Regeln ein


Luftraum
Rücksicht auf Bauern, Anwohner, Piloten, Windenführer
Ausweichregeln
Start- und Landeplätze und Startrichtungen



Wirbt für den Flugsport und ist respektvoll mit anderen


positive Geschichten erzählen
Einladen zu Tandemflug (wer denn kann)
geduldig mit Fragen umgehen (Springt ihr da runter?)
freundlich mit den Bauern umgehen
in der gemähten Wiese landen
am Rande zusammenpacken
Gegurtet mit Rosette (=startfertig) an volle Startplätze erscheinen
andere nicht gefährden (auch bei (unnötigen) Rettungseinsätzen, die man verursacht)
nach einer Retterlandung Polizei, Bergwacht oder Notruf benachrichtigen

besonders, wenn nichts passiert ist


räumt den Landeplatz
verzeiht den anderen Fehlern, denn wir machen alle welche



Objektiv meßbare Kriterien


durchschnittliche Flugdauer
Flugweite

durchschnittlich
maximal
wiederholt (z. b. x-mal pro Jahr >100 km)


XC-Punkte
Geschwindigkeit
Platzierung in Wettbewerben
eigene Verbesserung gegenüber Vorjahre
Vergleich mit anderen



Kenntnis von Fluggebieten


Anzahl
Größe
Detailkenntnisse
Streckenkenntnisse
lokale Gefahrenstellen
Talwindsysteme
spezifische Wetterphänomene



bereitet sich selbst auf den Flug vor


kein Neben-Streß

Arbeit
Partner
sonstiger Lebensstreß


gut geschlafen
kein Restalkohol
gut (vernünftig) gegessen
treibt Sport
gut hydriert
hat Essen und Trinken dabei
Urinal und Windel (wenn nötig)
ist im “richtigen” Gemütszustand

amitioniert, aber nicht überehrgeizig
gespannt, aber nicht aufgeregt
entspannt aber nicht lässig
gut drauf aber nicht euphorisch
idealerweise im Flow


Hinfahrt und Rückfahrt / Übernachtung stressfrei organisiert


Ach ja, wenn ich mir die Liste so anschaue, fällt mir auf, wo ich Defizite habe, an denen ich noch arbeiten möchte. Auch Lücken, die ich nicht schließen muss oder möchte.


P.S.: Das ist wohl mein längster Post überhaupt. Kommt sicher so bald nicht mehr vor ;)

Pedro
26.10.2015, 08:03
Selbsteinschätzung = Selbstüberschätzung !

conny-reith
26.10.2015, 08:12
Selbsteinschätzung = Selbstüberschätzung !

Genau,

Alles Gut, ... solange es Gut geht. :)

Willi Wombat
26.10.2015, 09:19
Mir fehlt in der länglichen Liste ein wesentlicher Punkt:

--> Er weiss: Auch die Besten stürzen erfahrungsgemäß irgendwann ab!

ThomasN
26.10.2015, 09:52
Willi, das könnte einen zum Nachdenken bringen. Soll noch einer sagen, wir betrieben keinen Risikosport. 8)

Uli Straßer
26.10.2015, 10:14
Willi, das könnte einen zum Nachdenken bringen. Soll noch einer sagen, wir betrieben keinen Risikosport. 8)

Sport ohne Risiko gibt es nicht, so wie es auch das Leben ohne Risiko nicht gibt. Man könnte sich z.B. mit dem Helm auf dem Kopf auf die Schwelle zum Krankenhaus setzen und hoffen, dass nichts passiert. Wäre im Grund aber auch irgendwie langweilig auf die Dauer. Die Aufgabe lautet, das Risiko bei aller Lebensfreude gering zu halten bzw. möglichst die Worst Case Fälle zu vermeiden.


Auch die Besten stürzen erfahrungsgemäß irgendwann ab!

Das ist leider auch ein Naturgesetz: Je häufiger etwas geschieht (hier das Gleitschirmfliegen), um so größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Unvorhersehbares (bzw. leider ja wegen der Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung eigentlich sehr Vorhersehbares) passiert. Spricht eigentlich gegen das "Abarbeiten" der obigen langen Liste, da man dazu ja oft fliegen "muss" und die Wahrscheinlichkeitsrechnung quasi gegen einen arbeitet. Gleichzeitig arbeiten aber der dadurch bessere Trainingszustand und die erworbene Erfahrung für einen. Wo liegt jetzt das Optimum (geringstes Gesamtrisiko eines Worst Case)?

Eher philosophisch, das Ganze. Sicher kann man einen Gleitschirmunfall nur vermeiden, indem man keinen Gleitschirm anfasst - und möglichst vermeidet, dass einem einer auf den Kopf fällt (Helm auf und unter einem Vordach auf der Krankenhausschwelle sitzen ;)).

Gruß

Uli

Slople.com
26.10.2015, 11:32
Gerade am Samstag bei unseren Schulungsflügen bemerkt: Meine Freundin landet, und sagt mir und einem Kollegen, dass sie sich während des Anflugs unwohl gefühlt hatte, weil sie (für sich, subjektiv!) den Verkehr ringsum als zu streng empfand. Mein Kollege: "wieso denn, ist ja alles gut gegangen". Sowas macht mich sauer, denn die richtige Antwort würde m.M.n. lauten: "gut, dass Du darüber nachdenkst, und jetzt musst Du Dir noch überlegen, wie Du eine ähnliche Situation in Zukunft vermeiden kannst - also z.B. beim Abbauen bewusst die anderen beobachten und versuchen, die Einteilung entsprechend zu timen".

Eine Situation wird nicht ungefährlicher, weil man sie schon 100 mal gemeistert hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwann nicht mehr passt, wenn man sein Verhalten nicht anpasst, geht unweigerlich gegen 1.

Dieses "lockere Denken" ist nach meiner Erfahrung bei Gleitschirmfliegern wesentlich häufiger anzutreffen als bei den meisten anderen Flugsportarten.

TomK
26.10.2015, 12:01
Als dieser Thread eröffnet wurde, hab ich absichtlich vorerst keine weiteren Beiträge gelesen. Dieses Thema ist mir nämlich zu wichtig in meinem "Daseins-Risikomanagement".
Stichwortartig habe ich mir stattdessen Gedanken notiert, welche zum Thema "Selbstkontrolle" hilfreich sein könnten.

Folgende Schlagwort-Gleichung steht höchstens am Anfang der Spurensuche. Sie ist aber z.B. kaum richtig für einen Zauderer...

Selbsteinschätzung = Selbstüberschätzung !

In der Entwicklung eines Menschen steht am Anfang die Fremdeinschätzung, z.B. durch Eltern, Spielkameraden, Lehrpersonen und Dorfpolizist, im Zentrum. Bis zum Beginn der Pilotenausbildung gestellt sich bei Jedem, individuell ausgeprägt, eine Selbstverantwortung dazu. Mir z.B. wurde von Eltern, Jugendgruppen-Leitern, Bergführer, Ski(akrobatik)-Lehrer und Volleyballtrainer behutsam soviel Wissen vermittelt, dass ich bis Ende 30 absolut keine grösseren Verletzungen hatte! Keine Knochenbrüche etc.; ein paar Fussverstauchungen, eine Skischuhrandprellung und als Kind diverse kleine Schnitt- und Platzwunden und zwei drei große Schürfwunden -that's it!

Da hatte ich natürlich Glück mit meinen ersten Mentoren, die ich selber nicht aussuchen konnte. Wir Piloten haben nun die Pflicht, aber vorallem die Möglichkeit, unsere Erfahrungen und unser Wissen mit den optimalen, individuell sehr unterschiedlichen Möglichkeiten zu verbessern oder auf einem gut genug hohen Niveau zu halten. Wir lesen hierzu unsere Mentoren selber aus!!!

Seit ich Gleitschirm fliege, beobachtete ich meine "Sünden" vor allem nachhaltig dadurch, indem ich sämtliche gefährlichen Situationen im Flugbuch nieder geschrieben habe. In Debriefings Ende Saison las ich diese mehrmals durch und änderte meisten Kleinigkeiten in meinem weiteren Verhalten. Abgesehen von SIKU hilft mir weitaus am meisten der Erfahrungsaustausch mit kompetenten Flugkumpels, Herstellern und Flugprofis.
Kurz gesagt: Die Selbsteinschätzung wird wesentlich verbessert, wenn sie mit kompetenter Fremdeinschätzung überprüft wird.

Grüessli, Thomas

schnappfichte
26.10.2015, 15:15
[...] Das ist leider auch ein Naturgesetz: Je häufiger etwas geschieht (hier das Gleitschirmfliegen), um so größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Unvorhersehbares (bzw. leider ja wegen der Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung eigentlich sehr Vorhersehbares) passiert. Spricht eigentlich gegen das "Abarbeiten" der obigen langen Liste, da man dazu ja oft fliegen "muss" und die Wahrscheinlichkeitsrechnung quasi gegen einen arbeitet. Gleichzeitig arbeiten aber der dadurch bessere Trainingszustand und die erworbene Erfahrung für einen. Wo liegt jetzt das Optimum (geringstes Gesamtrisiko eines Worst Case)? [...]

In einer DHV-info stand einmal, dass mit steigender Erfahrung das relative Risiko pro Flug sinkt. Da diese Piloten aber mehr, häufiger und länger fliegen, bleibt das absolute Risiko pro Jahr einen Zwischenfall zu haben in etwa gleich.

Die Quelle kann ich jetzt leider nicht liefern.

reinhard may
26.10.2015, 15:19
Zitat TomK
Kurz gesagt: Die Selbsteinschätzung wird wesentlich verbessert, wenn sie mit kompetenter Fremdeinschätzung überprüft wird.

Grüessli, Thomas

Hallo Tom
Das ist genau das was ich meinte. Die Gruppe beurteilen lassen,auch und gerade wenn man der Meinung ist,alles ist super.

Gruss Mayer

Sunce
26.10.2015, 16:21
Hallo Mayer,

ich würde dann doch nur der Kompetenz einzelner aus der Gruppe vertrauen, weil die meisten Gruppen eben inhomogen sind. Es gehört bereits bei der Wahl, den "Richtigen" zu fragen, eine gewisse Cleverness dazu.:D

Meine Meinung: Möglichst Feedback einholen von mehreren, deutlich erfahrenen Piloten oder Fluglehrern, um deren Fremdeinschätzung mit der eigene Wahrnehmung abzugleichen.

Ansonsten gefällt mir der Riesen-Beitrag von ThomasN sehr. Es ist quasi ein Anleitung, was alles erforderlich ist, um ein kompletter/guter Pilot zu werden, und wie schon angesprochen, macht er deutlich wie wahnsinnig komplex die Fliegerei ist. Daraus lässt sich wiederum ableiten, dass der Weg, ein besserer Pilot zu werden, niemals endet.

Grüße Holger

Blaumilan
26.10.2015, 16:46
Die meisten Menschen neigen dazu, siech selbst besser einzuschätzen, als sie tatsächlich sind.
In allen Bereichen - also auch beim Fliegen.

Wenn man von der eigenen Einschätzung zwei Level abzieht, kommt man der Wahrheit vermutlich nahe :D

Mir gefällt der Beitrag #16 von Thomas im Übrigen auch sehr gut.

reinhard may
26.10.2015, 16:55
Hallo Mayer,

ich würde dann doch nur der Kompetenz einzelner aus der Gruppe vertrauen, weil die meisten Gruppen eben inhomogen sind. Es gehört bereits bei der Wahl, den "Richtigen" zu fragen, eine gewisse Cleverness dazu.:D

Meine Meinung: Möglichst Feedback einholen von mehreren, deutlich erfahrenen Piloten oder Fluglehrern, um deren Fremdeinschätzung mit der eigene Wahrnehmung abzugleichen.

Ansonsten gefällt mir der Riesen-Beitrag von ThomasN sehr. Es ist quasi ein Anleitung, was alles erforderlich ist, um ein kompletter/guter Pilot zu werden, und wie schon angesprochen, macht er deutlich wie wahnsinnig komplex die Fliegerei ist. Daraus lässt sich wiederum ableiten, dass der Weg, ein besserer Pilot zu werden, niemals endet.

Grüße Holger

Hallo Holger
Genau deshalb meinte ich ja,man soll sich den oder diejenigen raussuchen,die scheinbar vieles besser als der Rest machen. Und wenn man ein bisschen objektiv ist,sollte man schon zu einer Selbsteinschätzung kommen.Einfach beobachten und lernen.Zugeben,dass man es nicht so gut kann ,muss man allerdings selbst. Und da liegt wohl das Problem.Ich z.B bin bestimmt kein Vorwärtsstartgott,aber ich übe zumindest gelegentlich.

Gruss Mayer

joeflight
26.10.2015, 19:44
Hallo Holger
Ich z.B bin bestimmt kein Vorwärtsstartgott,aber ich übe zumindest gelegentlich.

Gruss Mayer
Naja, mit den Sicheln mit denen Du Dich nur abgibst ist das bestimmt keine Schande.

@ThomasN: Super Beitrag :)

TomK
27.10.2015, 08:45
Die meisten Menschen neigen dazu, siech selbst besser einzuschätzen, als sie tatsächlich sind.
In allen Bereichen - also auch beim Fliegen.
Wen dem so ist, so nützen wir doch diese Erkenntnis!

Pauschal ist die Tendenz zur Überschätzung oder zum Verdrängen von Gefahrensituationen wahrscheinlich richtig. Im Einzelfall kann es aber auch zu zuwenig Selbstvertrauen und Entschlossenheit führen.

In der aktuellen Swissglider-Ausgabe gibt es zum 25Jahr-Jubiläum der Gleitschirmliga ein sehr ausführliches Interview mit Martin Scheel. (M. Scheel war vor 30Jahren "Extremkletterer von europäischem Format mit diversen Erstbegehungen" und leitet seit gut 15 Jahren die Liga und die Junior-Nachwuchsförderung - kurz ein Experte in Selbst- und Fremdeinschätzung). Neben vielem anderen lesenswerten Aussagen, passen folgende besonders gut hierhin.


[...] Ist Gleitschirmfligen gefährlich? Da sage ich klar ja. Allerdings hängt das Risiko eher mit dem Charakter des Piloten zusammen, als mit dem Sport. Ich kann immer wieder beobachten, dass Piloten, die beim Fliegen hin und wieder Zwischenfälle haben, auch im Alltag solche haben. An dieser Tatsache ändert sich auch nichts, wenn wir nur noch mit EN-B-Modellen fliegen. Der Umgang mit Risiko ist für mich ein zentrales Thema [...]

Nehmen wir doch solch fundierte, gratis gelieferte Erfahrungen dankend auf, suchen weiter nach Inputs von außen, um damit die Selbsteinschätzung individuell auf das maximal mögliche Level zu bringen.

Grüessli, Thomas

lemma
27.10.2015, 08:56
Wer in der Thermik immer schnell hoch kommt, bei den Höchsten ist (wenn er will) und weite Strecken fliegt und dabei nie Klapper hat, ist für mich ein guter Pilot.

Wenn er dann doch mal ein Klapper kassiert und dann völlig überfordert ist, ist er meiner Ansicht nach noch kein guter Pilot.

Pedro
27.10.2015, 09:51
Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht!

TomK
27.10.2015, 10:14
Was ist denn ein guter Pilot?
Ein guter Thermik-Flieger? ein guter Streckenflieger? ein guter Soaring-Flieger? ein guter Acro-Flieger?....

Ist jemand der super Strecken fliegt aber noch nie einen sauberen Wingover geflogen hat nun der bessere Pilot als ein Acro-Pilot der noch nie mehr als 5km geflogen hat? Oder muss man zwangsweise alles können um ein guter Pilot zu sein? Das wird dann aber schwierig [...] .
Gute Fragen. Pauschale Antworten dazu gibt's nach meiner Erfahrung keine.
Der ideale W e g vom Flugschüler zum guten Piloten gibt's aber. Falls man wirklich "gut" werden will, sollte in der Anfängerzeit regelmäßig und so oft wie möglich geflogen werden, um einen Grundstock aufzubauen und sicherzustellen. Zuerst betreut und stetig selbständiger fliegen. In der nächsten Phase den Neigungen und Spartenvorliebe entsprechend, auch mal vorsichtig die eigenen Grenzen ausloten.

Eine persönliche Unfallbilanz vom Gleitschirmfliegen im Vergleich zum Alltagsgeschehen gibt gute Hinweise. Wenn nach z. B. drei Jahren die Anzahl Arbeitstag-Ausfälle hauptsächlich vom Alltag indiziert wurden, ist man aus Sicht der Öffentlichkeit ein genug guter Pilot. Wie hoch der Anspruch eines guten Piloten aus seiner eigenen Sicht, oder aus Sicht der Forumsteilnehmer ist, kann man daraus natürlich nicht ableiten.

Dies finde ich in einer Individualsportart auch gut so. Macht ein Pilot keine Debriefings, keine persönliche Unfallbilanz und hat er nach z.B. einem Jahr Solofliegen kaum Kontakte zur Fliegerszene knüpfen konnten, so wird die Qualität seiner Selbsteinschätzung dürftig bleiben. Ebenso ein klares Indiz für mangelndes Selbsteinschätzung-Vermögen ist, wenn man in diesem Thread sich schwer tut mit Verstehenwollen anderer Beträge. Wer vor allem kritisiert, evtl. Selbsteinschätzung in unserem Sport für nicht geeignet hält, dem bleibt ja eigentlich nur Beratung und Fremdeinschätzung, bzw. Kontrolle von außen übrig, um ein guter Pilot zu werden und zu bleiben. ;)

Grüessli, Thomas

Uli Straßer
27.10.2015, 10:39
[...] Ist Gleitschirmfligen gefährlich? Da sage ich klar ja. Allerdings hängt das Risiko eher mit dem Charakter des Piloten zusammen, als mit dem Sport. Ich kann immer wieder beobachten, dass Piloten, die beim Fliegen hin und wieder Zwischenfälle haben, auch im Alltag solche haben. An dieser Tatsache ändert sich auch nichts, wenn wir nur noch mit EN-B-Modellen fliegen. Der Umgang mit Risiko ist für mich ein zentrales Thema [...]

Aber das ist doch eine Binsenweisheit, dies wurde auch hier im Forum immer wieder so dargelegt und eigentlich sollte jeder mündige Mensch das im Innersten selbst wissen.

Jeder Mensch, der geistig dazu in der Lage ist, muss sein eigenes Lebensrisiko managen, je nach Charakter macht der eine das eben auf der vorsichtigeren Seite, der andere nimmt eher größere Risiken in Kauf. Und das gilt für alle Bereiche des Lebens egal ob im Sport, im Berufsleben, dem Lebenswandel, bei Beziehungen usw.

Eines steht dabei rein evolutionstheoretisch allerdings fest: Ohne den Mut einiger, ab und zu höhere Risiken in Kauf zu nehmen als die durchschnittliche Mehrheit, würden die meisten Menschen wahrscheinlich noch heute in Höhlen leben. Ohne den Mut einiger Wikinger oder eines Christoph Columbus wäre z.B. Amerika nicht "entdeckt" worden (jetzt kann man natürlich - wenn man sich so die aktuelle politische Weltsituation ansieht - auch geteilter Meinung sein, ob das nun zum Wohle der Menschheit beigetragen hat oder eher nicht). Oder ohne den Mut einiger Hersteller würden Gleitschirme nicht weiter entwickelt werden etc...

Es gibt eben vorsichtigere oder mutigere Charaktere. Völlig wertungsfrei, beide haben ihren Platz in der Gesellschaft und sind gleich wichtig.

Problematisch wird es in meinen Augen erst, wenn man das persönliche, zum jeweiligen Charakter passende, durch Lebenserfahrung im Laufe der Zeit einigermaßen auf den eigenen Charakter abgestimmte Risikomanagement zu sehr von außen manipulieren lässt.

Auf die Gleitschirmfliegerei bezogen meine ich da primär den Einfluss von (Flieger)kameraden (sofern nicht konstruktiv, sondern negativ besetzt im Sinne von: Sei kein Feigling, jetzt trau dich doch auch mal oder der Schirm xy ist völlig harmlos etc...) als auch das Marketing der Hersteller/Flugschulen/Händler und Verbände.

Vergleichen wir mal die Charaktereigenschaften und deren auf die Fliegerei bezogenen Folgen eines noch nicht so erfahrenen Piloten:

Ein eher vorsichtiger Charakter wird z.B. auf Grund von DHV-"Safety"-Class-Empfehlungen oder Herstellermarketing eher einen als "sicherer" eingestuften Schirm wählen. Er hat damit oberflächlich betrachtet eine höhere passive Sicherheit in der Luft als mit einem weniger sicher eingestuften Gerät. Allerdings wird er mit diesem sichereren Gerät auch weniger schnell bis evtl. gar nicht seine feinmotorischen, intuitiven Fähigkeiten und das Gespür für die Luft verbessern, da der Schirm die Informationen der umgebenden Luft mehr wegdämpft als z.B. ein agilerer, aber weniger sicher bewerteter Schirm. Für viele Charaktere kann das durchaus der richtige Weg sein, wenn dann auch konsequent nur bei den zum sicheren Schirm auch passenden sicheren Bedingungen geflogen wird. Diese Piloten dürfen dann eben nicht den Fehler machen und dem Irrglauben verfallen, sie könnten wegen ihres sichereren Schirmes dafür bei weniger sichereren Bedingungen fliegen. Das wird früher oder später schief gehen.

Ein eher mutiger (nicht gleich draufgängerischer) Charakter wird sich nach seiner Anfängerphase irgendwann für ein agileres, leistungsfähigeres Schirmmodell interessieren und damit mehr Erfahrungen und Lerneffekte erzielen und sein Gespür für die Luft mehr verbessern (sofern er regelmäßig fliegt) als der vorsichtige Charakter mit dem stärker gedämpften Schirm. Nach einer Flugzeit x wird dieser Pilot rein durch die gemachten Erfahrungen und Lerneffekte der bessere Pilot sein als der vorsichtigere und kann sich theoretisch auch noch einen Schritt weiter in Richtung anspruchsvollerer Bedingungen oder (gleichzeitig und wäre unklug) anspruchsvollerer Geräte wagen. Dieser Pilot geht zunächst ein höheres Risiko ein, erkauft sich dadurch aber einen reicheren Erfahrungsschatz. Und wenn er diese Erfahrungen in den gleichen sicheren Bedingungen wie der vorsichtige Charakter erflogen hat, dann ist dieses Risiko auch kalkulierbar. Dieser Pilotencharakter hat nach dieser Phase die besseren Karten, wenn er sich auch bei anspruchsvolleren Bedingungen oder mit anspruchsvolleren Geräten in die Luft begeben will.

Macht er das konsequent weiter, wird er irgendwann auch mit anspruchsvolleren Geräten in anspruchsvolleren Bedingungen mit vergleichbarem Risiko unterwegs sein wie der vorsichtige Charakter mit dem sichereren Schirm.

Welcher Weg der richtige ist, muss jeder für sich selbst entscheiden und hat etwas mit seinen persönlichen Erwartungen und Zielsetzungen beim Gleitschirmfliegen zu tun. Richtig gefährlich (neben dem Grundrisiko des Flugsports - wegen der Schwerkraft ;)) wird es erst, wenn persönlicher Ehrgeiz (u.a. von außen beeinflusst) und charakterliche Grundlagen nicht zusammen passen. Und da ist die ehrliche/selbstkritische Selbsteinschätzung (unter Einbeziehung der Rückmeldungen aus dem Umfeld) das Maß der Dinge, um den Bezug zum Thread-Thema herzustellen.

Gruß

Uli

Vibe
27.10.2015, 11:22
.
Gute Fragen. Pauschale Antworten dazu gibt's nach meiner Erfahrung keine.
Der ideale W e g vom Flugschüler zum guten Piloten gibt's aber. Falls man wirklich "gut" werden will, sollte in der Anfängerzeit regelmäßig und so oft wie möglich geflogen werden, um einen Grundstock aufzubauen und sicherzustellen. Zuerst betreut und stetig selbständiger fliegen. In der nächsten Phase den Neigungen und Spartenvorliebe entsprechend, auch mal vorsichtig die eigenen Grenzen ausloten.

Grüessli, Thomas

Genau das finde ich eigentlich nicht. Der Großteil der Piloten die man am Berg sieht sind genau diese Art Piloten. Die schaffen es irgendwie zu starten. Das meist gesehen ist ein Rückwätsstart wobei der Schirm angerissen wird, wenn der Schirm auf 75° steht dann schnell ausgedreht wird und dann einfach losgerannt. Null Kontrolle, kein Gefühl. Aber fliegen tun sie dann 5h lang in jeglichen Bedingungen. Das sind in meinen Augen keine guten Piloten und werde es auch nie werden.

Beim Fliegen lerne ich wie ich Thermik zentriere und meinetwegen auch noch wie ich am weitesten komme (Obwohl ich auch das eigentlich schneller lernen kann wenn ich mich mal mit der Theorie auseinander setze, wo eigentlich Abrisskanten sind, mit was für Winden ich wo zu rechnen habe etc..) ich werde aber niemals eine wirklich gute Schirmbeherrschung lernen.

Gute Piloten sind mindestens genauso oft am Boden, machen GH und beschäftigen sich auch theoretisch und mental mit dem Fliegen.

Gruß

Claus

UlrichPrinz
27.10.2015, 11:38
Hi ThomasN,

Wow! Interessante Liste, die du da zusammengesammelt hast! :)
Ist eine horizont-erweiternde Checkliste für Leute die noch nicht lange fliegen!

Ich hätte es (vor deiner Liste) wie JN auch eher simpel beantwortet mit:
a) "Hat keine Zwischenfälle" + b) "Fliegt weit"
Aber deine Liste ist hilfreich, das sie die Punkte auflistet, wie man dort hin kommt.

Dem kann ich eigentlich kaum was hinzufügen - ausser vielleicht einen Aspekt noch genauer zu beleuchten für die, denen a) nicht ausreicht und sich bei b) verbessern wollen:

Ich habe als Anfänger schnell entdeckt, dass man in Wettbewerben wie den XC-contests gut seinen Leistungsstand ablesen kann. Aber um den Leistungsstand effizient zu verbessern fand ich die Zentralen Wettbewerbe (Liga, FAI2, PWC) geeigneter, weil man hier mehr Mitflieger zum "abschauen" findet.

Wenn man an einem Hammertag an einen populären XC-Startplatz pilgert, findet man dort sicher eine Handvoll potentieller (unfreiwilliger) "Lehrer", denen man hinterherfliegen kann, um sich was abzuschauen (wann starten, Routenwahl, wie weit dreht man auf, wie viel Speed wo, uvm ...) aber schon bald wird einem der "Lehrer" entwischen und der Unterricht ist vorbei.
Ein Unterschied ist schon mal der Schirm: die meisten Cracks werden einen besseren Schirm fliegen als der Lernbegierige, da ist es schwer dran zu bleiben.

Hier ist ein Zentraler Wettbewerb klasse: Beim ersten Mal wird man sich schon bald nach dem Start in einem der mittleren Pulks wieder finden, mit einer Gruppe von Piloten die einen ähnlichen Leistungsstand haben.
Der Clou dabei: es ist einen Tick einfacher zu folgen als voraus zu fliegen, da die Vorflieger z.B. immer erstmal die Thermik suchen müssen oder z.B. die hinteren sehen: "Ah, rechte Linie gleitet besser!" etc.
Man kann also einer Gruppe von Piloten folgen, die einen Tick besser fliegen als man selbst.
Wenn man es mal irgendwo richtig verpatzt, und die Gruppe entwischt, wird man sich schon bald in der nachkommenden Gruppe finden, die aus etwas langsameren Piloten besteht und an denen man sich erneut messen und lernen kann. Und so weiter... bis man "seine" Gruppe von Piloten gefunden hat.
In meinen ersten Weltcups fand ich mich so fast jeden Tag verblüfft bei den hintersten Pulks wieder und wunderte mich, wie die vorderen schon wieder 3,4,10 km vorraus sein können.
In der nächsten Saison fiel ich dann nach dem Start weniger weit zurueck, weil ich effizienter flog und weniger Fehler machte. Und so weiter.
Bis ich dann irgendwann das aufholen zu vorderen Gruppen lernte, und mich so bis nach vorne arbeiten konnte.

Klar, kann man als Anfänger auch einen XC-Kurs buchen, wo einem der Trainer über Funk Dinge erklärt. Aber hier ist man auch in einer Gruppe von gemischter Qualität unterwegs und kann immer nur über kurze Abschnitte seinen Leistungsstand voll ausfliegen (ausser man ist *der* Gruppenlangsamste ;-)
Aufmerksame Piloten erkennen auch sehr gut beim Wettbewerb was sie falsch gemacht haben. Und wenn man mal gar nicht versteht, wieso die anderen z.B.hier und nicht dort geflogen sind, dann kann man die am Landeplatz auch mal fragen.

So gesehen sind Wettbewerbe die günstigsten XC-Kurse: Hier ist die Lehrer-Schüler Quote 1:5 und beim Bewerb 100:1 ;-)
Und in der vergleichsweise günstigen Anmeldegebühr sind Auffahrt, Rückholung und sogar ein Snack inbegriffen.
Und manch einem gefällt das Ganze dann sogar so gut, dass er ein paar Jahre dabei 'hängen bleibt', so wie es mir ergangen ist...

Wünsche allzeit happy Landings,
Ulli

ThomasN
27.10.2015, 13:31
Danke für die Blumen Ulli et al.:o

Freut mich, wenn viele was für sich rausholen können. Ich habe die Liste gemacht (1 h eigene Erfahrungen/Kenntnisse runtertippen), um mal für mich auszuloten, was zu den Fähigkeiten eines Piloten gehört. Und jetzt kann ich drüber schauen und reflektieren, wo ich mich denn gerne nächste Saison verbessern will und wie. :)


...die Zentralen Wettbewerbe (Liga, FAI2, PWC) geeigneter...

Das kann ich nur unterschreiben. Wettbewerbe sind super. Bei mir teilt sich ein Wettbewerb grob in 3 Teile:
- Fliegen mit den Cracks (Startbart bis 1st Wende (je nachdem)
- XC Fliegen mit vielen Piloten, die die gleichen WPs abfliegen
- und zum Schluß einsames Goal-Jagen und hin und wieder jemanden treffen, den man kennt

Dieser Vergleich ist sehr offenbarend und ausgesprochen lehrreich, wenn auch manchmal frustrierend, wenn ich feststelle, wie weit es bei mir fehlt. ;)


...Abgesehen von SIKU hilft mir weitaus am meisten der Erfahrungsaustausch mit kompetenten Flugkumpels, Herstellern und Flugprofis...

...Möglichst Feedback einholen von mehreren, deutlich erfahrenen Piloten oder Fluglehrern, um deren Fremdeinschätzung mit der eigene Wahrnehmung abzugleichen....

Unterstützung der Selbsteinschätzung durch Dritte

In der Luft kann ja bekanntlich wenig Feedback (analog zum Fahrlehrer) gegeben werden, außer man fliegt zusammen unter einem Tandem. Alles andere scheint schwierig, aber es nicht unmöglich. Gute Trainer wie z. B. Olli Rössel geben einem sehr wohl gutes Feedback, vor allem, wenn man sie vorher gebeten hat, dass man gerne eines hätte. Auf Freunde, mit denen man öfter fliegt können eine gute Quelle von Informationen sein.

Das kann keine detaillierte Flugbesprechung sein. Besser ist es (für mich), sich auf Auffälliges zu konzentrieren. z. B. „Du drehst generell zu weit“, „Dein Schirm ist öfter recht nahe am Stallpunkt“. Mit dem Feedback, nimmt man sich dann auf EINE Auffälligkeit um sie etwas genauer zu beobachten und die Sache bewusst zu trainieren. Das geht irgendwann in Unterbewusste über und man hat sich ein bisschen verbessert. Wenn man sich zu viel Verbesserungen auf einmal vornimmt, verzettelt man sich leicht und man lernt letztlich nichts.

Am Boden kann man dagegen viel mehr machen. Wir gehen oft zum Groundhandling und geben uns dabei verbales Feedback. In Zeiten von Smartphones ist es darüber hinaus unglaublich leicht, sich gegenseitig zu filmen. Vorwärts-, Rückwärtsaufziehen, Umgang mit Böen, generelles Schirmhandling, usw. Das schaut man sich zusammen an und diskutiert, was war gut/schlecht/anders und Verbesserungen erarbeiten. Oft wird auch die eigene Körperwahrnehmung dabei korrigiert bzw. mit der Realität abgeglichen. Auch chronisches Fehlverhalten kann damit korrigiert werden (z. B. den Schirm nicht konsequent über sich zu führen und zu früh abzubremsen), weil wenn man sich im Video sieht, das mit dem eigenen Körperempfinden abgleichen kann. Das hat schon oft Erstaunen hervorgerufen und dann erhebliche Verbesserungen ermöglicht.


...Tendenz zur Überschätzung oder zum Verdrängen von Gefahrensituationen wahrscheinlich richtig. Im Einzelfall kann es aber auch zu zuwenig Selbstvertrauen und Entschlossenheit führen...

...nicht den Fehler machen und dem Irrglauben verfallen, sie könnten wegen ihres sichereren Schirmes dafür bei weniger sichereren Bedingungen fliegen. Das wird früher oder später schief gehen...

Das geht eher in Richtung Psychologie: Wie gehe ich generell mit Risiken und Ängsten um? Was ist für mich riskant, was nicht? Wann habe ich Angst? Welche Auswirkung hat das auf meine Reaktionen (z. B. Versteifen des Körpers, verminderte Reaktionen, Atemanhalten) und was für (negative) Auswirkungen hat das auf mein Fliegen und das Risiko?

Hier hilft nur ehrliches Reflektieren mit sich selbst. Wer Glück hat (oder sich einfach traut) tauscht sich darüber mit Anderen aus. Und da stellt man plötzlich fest, dass alle mal Angst haben und dass sie überwunden werden kann ohne das Risiko notwendiger weise zu erhöhen, vielleicht sogar zu reduzieren. ;)